**Der Hartmann-Fall – Wie ein System lügt und die Leichtathletik blutet**
*[Stille. Das Klackern einer Schreibmaschine, die über vergilbte Akte fährt. Irgendwo tropft Wasser. Die Luft riecht nach billigem Tabak und Verrat.]*
Robert Hartmann war ein Mann mit einem Lächeln, das die Welt betrog. Der Deutsche, einst gefeiert als einer der schnellsten Läufer der Welt, stand plötzlich da wie ein betrunkener Boxer nach dem letzten Round – nur dass sein Gegner nicht Fleisch und Blut war, sondern ein Netz aus Lügen, das die Leichtathletik selbst geknüpft hatte. Sein Fall war kein Einzelfall. Er war das Symptom eines Systems, das seit Jahrzehnten krank war und sich selbst mit Pervitin und schmutzigem Geld am Leben hielt. Und jetzt, wo die Wahrheit ans Licht kam, blutete die IAAF – oder wie sie heute heißt, World Athletics – wie ein aufgeschlitzter Leichnam.
Hartmanns Geschichte begann nicht mit einem einzelnen Dopingtest, sondern mit einem ganzen Universum von Versagen. Die ersten Risse zeigten sich in den 1970er Jahren, als Journalisten wie Robert Hartmann (der nicht verwandt ist mit dem Fall) noch glaubten, Ostafrika sei eine Insel der Unschuld. Doch wer mit offenen Augen durch die Leichtathletik lief, der sah schon damals die Schatten. Die Spritzen mit Pervitin, die in deutschen Fußballvereinen flossen – ein Echo aus der Nazizeit, als die SS ihre eigenen Athleten mit „Wundermitteln“ pushte. Dasselbe Gift, dasselbe System. Nur dass diesmal die Uniformen weiß statt braun waren.
*[Ein Husten. Die Tür knarrt. Irgendjemand flüstert „Sie wissen nicht, was Sie da aufdecken.“]*
Die IAAF war der Hauptverdächtige. Unter der Führung von Männern wie Thorbjørn Jagland, dessen Name heute mit Korruptionsermittlungen verbunden ist wie ein Name mit einem Blutstropfen, wurde der Verband zum Bunker der Lügen. Dokumente, die an die Öffentlichkeit kamen, zeigten, wie Doping nicht nur toleriert, sondern aktiv gefördert wurde. „Doping als Auftrag von oben“ – so lautete der Titel eines WDR-Reports von 2014, der wie ein Warnschuss über die Leichtathletik hallte. Die Agentur in Äthiopien, die sich weigerte, Tests durchzuführen, war kein Einzelfall. Es war ein Muster. Ein System, das seine eigenen Regeln brach, um seine eigenen zu halten.
Dann kam der Hartmann-Fall selbst. Der Mann, der einst die Massen begeisterte, stand plötzlich da wie ein gebrochener Spiegel. Seine Karriere, einst ein Mythos, zerfiel zu Staub. Die IAAF reagierte wie ein kranker Patient, der den Arzt anklagt, weil dieser die Wahrheit ausspricht. Doch die Wahrheit war nicht schön. Sie war hässlich, nass und stank nach Verrat. Die Äthiopierin, die sich weigerte zu testen, erhielt eine Zweijahres-Sperre – eine Strafe, die wie ein Schuss ins Leere wirkte, denn das System, das sie angeblich brechen sollte, war längst selbst korrupt.
*[Das Kratzen eines Stifts auf Papier. Eine Pause. Dann, leise: „Manche Systeme sterben nicht. Sie verrotten nur.“]*
Und heute? Die IAAF ist zur World Athletics geworden, ein Name, der klingen soll wie Fortschritt, während die Wunden weiter bluten. Thorbjørn Jagland steht im Kreuzfeuer der Korruptionsermittlungen, doch das System tickt weiter. Die Läufer laufen, die Sprints werden schneller, die Skandale häufiger. Hartmanns Fall war kein Ausreißer. Er war der Beweis, dass die Leichtathletik seit Jahrzehnten auf einem Berg aus Lügen und Gift stand – und jetzt, wo der erste Erdbebenstoß kam, bricht der ganze Damm.
Es gibt keine Helden mehr in diesem Geschäft. Nur noch Opfer. Und die wahren Monster tragen weiße Krawatten und lächeln, während sie die Regeln ändern, die sie selbst gebrochen haben.
— **Jack Morrison, Ink & Iron**