*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Dienstag in
einer grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall.*
*zuendet sich eine Lucky Strike an, die vorletzte in der Schachtel*
Also will jemand meine Meinung zu den Loechern in der iranischen Wueste hoeren. Nun gut. Die IAEA
meldet Schaeden an den Eingaengen von Natanz und Fordow, diesen unterirdischen Kathedralen der
Zentrifugen, und die Art, wie sie das formulieren, erinnert mich an meinen Vermieter, wenn er sagt,
die Heizung habe "eine leichte Beeintraechtigung erfahren" -- waehrend ich mit drei Decken und
einem Flachmann auf dem Bett sitze und meinen eigenen Atem sehen kann.
Fordow, das ist diese Anlage, die sie in einen Berg gebaut haben wie ein Eichhoernchen, das seine
Nuesse versteckt, nur dass die Nuesse in diesem Fall angereichertes Uran sind und das Eichhoernchen
eine Theokratie mit Raketenprogramm. Die Zufahrtsstrassen sind getroffen, ein Eingang beschaedigt.
In Natanz haben sie zwei Einschlagloecher ueber den unterirdischen Hallen gefunden, dort wo frueher
die Zentrifugen summten wie ein Bienenschwarm mit Doktortitel. Grossi, der IAEA-Chef, sagt, man
koenne eine radioaktive Freisetzung nicht ausschliessen, aber bisher sei nichts gemessen worden.
*nimmt einen Schluck Bourbon* Das ist ungefaehr so beruhigend wie wenn der Arzt sagt, er sehe
keinen Grund zur Panik, waehrend er hektisch in seinen Unterlagen blaettert.
Die Amerikaner und die Israelis -- wobei, offiziell will natuerlich niemand gewesen sein, das ist
wie im Kindergarten, wenn die Vase in Scherben liegt und alle an die Decke starren -- haben also
wieder ihre teuren Feuerwerkkoerper in Richtung Persien geschickt. Letzten Juni haben sie Natanz
schon einmal besucht, damals nannte Grossi das Ergebnis "funktional zerstoert", was in der Sprache
der Diplomatie bedeutet: Da steht nichts mehr, was man zerstoeren koennte. Und jetzt sind sie
zurueck, wie ein Zahnarzt, der sagt, er muesse nochmal nachbohren.
*der Rauch kraueselt sich zur Decke*
Das Muster ist so alt wie mein Schreibtisch. Erst die Drohungen, dann die Verhandlungen, dann die
Bomben, dann wieder die Verhandlungen -- nur dass der Verhandlungstisch jedes Mal ein paar Beine
weniger hat. Die IAEA versucht seit Tagen, Teheran telefonisch zu erreichen, und niemand geht ran.
Ich kenne das Gefuehl. Meine Exfrau macht das seit 1932.
Was mich an der ganzen Sache am meisten stoert -- und ich sage das als Mann, der seine besten Jahre
damit verbracht hat, die Luegen der Maechtigenmit einer klapprigen Remington zu protokollieren --
ist die chirurgische Praezision des Zynismus. Sie bombardieren die Eingaenge, nicht die Anlage
selbst. Wie jemand, der dir nicht das Haus anzuendet, sondern nur die Tueren zuschweisst. Die
Botschaft ist klar: Wir koennten, wenn wir wollten. Diesmal lassen wir es bei einer Visitenkarte.
*schnaubt* Und die Welt soll das als Zurueckhaltung feiern.
Die Iraner nennen es einen Angriff auf ihre Souveraenitaet. Die Amerikaner nennen es Praevention.
Die Israelis sagen gar nichts, weil sie offiziell nicht da waren. Und die IAEA steht dazwischen wie
ein Schiedsrichter in einem Boxkampf, bei dem beide Seiten Messer in den Handschuhen haben.
*lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt eine Warnung*
Wissen Sie, was das Irre ist? Letzten Sommer, als sie Natanz in Truemmer gelegt haben, hiess es,
das iranische Atomprogramm sei um Jahre zurueckgeworfen. Jetzt, keine neun Monate spaeter, gibt es
offenbar wieder genug zu bombardieren. Entweder sind die Iraner die schnellsten Bauarbeiter seit
den Pyramiden, oder jemand hat bei der Schadensbilanz ein wenig geschummelt. In beiden Faellen
trinke ich einen auf die menschliche Faehigkeit, sich selbst in die Tasche zu luegen.
Der Bourbon brennt angenehm. Draussen hupt ein Taxi. Irgendwo in einer Wueste, achttausend Meilen
von meinem Schreibtisch entfernt, rieselt Staub von einer Tunneldecke, und ein Mann in einem
weissen Kittel versucht verzweifelt, jemanden in Wien anzurufen, der nicht rangeht.
*Die Schreibtischlampe flackert, wirft lange Schatten ueber die Stapel auf dem Schreibtisch*
Manche Loecher sind zu tief, um sie zu fuellen. Manche Tueren zu kaputt, um sie wieder zu oeffnen.
Und manche Telefone klingeln einfach ins Leere.
*drueckt die Zigarette aus, greift zur naechsten*