*Die Glühbirne über dem Schreibtisch flackert wie ein letzter Atemzug. Draußen heult der Regen gegen die Scheiben, als würde die Stadt selbst weinen – oder lachen, je nachdem, wen man fragt. Der Whiskey in meinem Glas ist bereits halbleer, doch sein Duft bleibt, warm und stickig wie ein Geheimnis, das man nicht aussprechen darf. Die Tastatur unter meinen Fingern vibriert leise, als würde sie zögern, bevor sie die Wahrheit aufschreibt. Heute Nacht wird sie bluten.*
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Es war ein Rest von Alabama, der sich hier verirrte – oder versteckte. Ein Mann von fünfundfünfzig Jahren, mit Haut, die die Sonne seiner Heimat wie ein altes, zerrissenes Porträt trägt. Sein Name war auf keinem Zettel, nur ein Verdacht, ein Flüstern in den Akten: *illegal*, *verdächtig*, *ein Auge, das zu viele Geheimnisse gesehen hat*. Die Kamera, versteckt hinter einem Spiegel in der Damentoilette des *Bleeding Heart*, einem Restaurant, das sich so tut, als würde es Romantik servieren, während es im Hintergrund das Fleisch der Unschuld abschneidet. Die Frauen, die dort gehen, wissen es nicht. Oder sie wissen es und kommen trotzdem. Wie Mücken um eine Flamme.
*Die Uhr tickt. Irgendwo tropft ein Wasserhahn. Der Geruch von altem Papier und Schweiß hängt in der Luft, vermischt mit dem bitteren Hauch von Whiskey, der schon längst nicht mehr nur getrunken wird.*
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Der Aufenthaltsstatus des Mannes war ein Riss in der Fassade, ein Mangel, der ihn zum perfekten Sündenbock machte. Illegal zu sein, ist wie ein unsichtbares Messer in der Hand zu halten – man kann damit schneiden, ohne dass jemand fragt, warum. Die Kamera in der Toilette war kein Zufall. Sie war ein Blick, ein Diebstahl, ein Verlangen, das sich nicht stillen lässt. Die Frauen, die dort vorbeikamen, wussten nicht, dass sie beobachtet wurden. Sie putzten sich die Lippen mit Lippenstift, der nach Verführung roch, während ein Fremder ihr Fleisch durch die Linse fraß wie ein hungriger Geist.
*Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Die Heizung knarrt wie ein altes Skelett.*
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Die Festnahme war eine Farce. Ein Polizist, ein Mann mit der Miene eines Mannes, der schon zu viel gesehen hat, trat auf und flüsterte etwas von *illegaler Überwachung*. Doch was war illegal? Der Blick? Das Verlangen? Oder nur die Tatsache, dass er kein Recht hatte, hier zu stehen? Die Kamera wurde gefunden, ein winziges Ding, das sich wie ein Skorpion in die Poren der Wahrheit gekrallt hatte. Doch wer war wirklich der Verbrecher? Der Mann mit der Kamera? Oder die Gesellschaft, die ihm diese Lust gestattete, ohne sie zu benennen?
*Der Whiskey schmeckt jetzt nach Asche. Ich trinke einen Schluck und warte, bis die Hitze mich verschlingt.*
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Die Toilette des *Bleeding Heart* war einst ein Ort der Reinigung. Jetzt ist sie ein Beichtstuhl, in dem Sünden gestanden werden, ohne dass es eine Buße gibt. Die Frauen, die dort noch gehen, tun so, als wäre nichts geschehen. Sie lächeln, sie trinken ihren Kaffee, sie lassen sich anstarren, während die Kamera längst gelöscht wurde – doch die Bilder bleiben. Sie bleiben in den Pupillen derer, die zugesehen haben. In den Akten. In den Träumen derer, die nicht schlafen können.
*Draußen beginnt die Stadt wieder zu leuchten. Irgendwo lacht jemand. Es klingt wie ein Hohn.*
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Manche Männer sammeln Uhren. Andere sammeln Frauen. Dieser Mann sammelte Blicke. Und Blicke, einmal geworfen, lassen sich nicht mehr zurücknehmen. Sie bleiben wie Narben, wie Stiche in der Dunkelheit. Die Justiz wird ihn verhandeln. Die Medien werden ihn verurteilen. Doch die wahre Frage bleibt: War er der Verführer? Oder nur ein Spiegel, der uns zeigte, was wir schon immer gewusst haben?
*Die Glühbirne erlischt. Die Nacht ist jetzt ganz. Ich schalte das Licht aus und warte, bis meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen.*
— Kim Benet, *Silk & Shadows*
*The lightbulb above the desk flickers like a final breath. Outside, the rain howls against the panes as if the city itself were weeping – or laughing, depending on whom you ask. The whiskey in my glass is already half-empty, yet its scent remains, warm and stuffy like a secret that must not be spoken. The keyboard beneath my fingers vibrates softly, as if hesitating before writing down the truth. Tonight, it will bleed.*
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It was a remnant of Alabama, lost here – or hiding. A man of fifty-five years, with skin that bore the sun of his homeland like an old, torn portrait. His name was on no piece of paper, only a suspicion, a whisper in the files: *illegal*, *suspect*, *an eye that has seen too many secrets*. The camera, hidden behind a mirror in the ladies’ room of the *Bleeding Heart*, a restaurant that pretends to serve romance while it slices away the flesh of innocence in the background. The women who go there do not know it. Or they know it and come anyway. Like moths to a flame.
*The clock ticks. Somewhere a tap drips. The smell of old paper and sweat hangs in the air, mixed with the bitter breath of whiskey, which is no longer only being drunk.*
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The man’s residency status was a crack in the façade, a flaw that made him the perfect scapegoat. To be illegal is like holding an invisible knife in one’s hand – one can cut with it without anyone asking why. The camera in the toilet was no accident. It was a gaze, a theft, a desire that cannot be stilled. The women who passed by there did not know that they were being watched. They touched up their lips with lipstick that smelled of seduction, while a stranger devoured their flesh through the lens like a hungry ghost.
*A shiver runs down my spine. The heating creaks like an old skeleton.*
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The arrest was a farce. A policeman, a man with the face of a man who has already seen too much, stepped up and whispered something about *illegal surveillance*. But what was illegal? The gaze? The desire? Or just the fact that he had no right to stand here? The camera was found, a tiny thing that had clawed its way into the pores of the truth like a scorpion. But who was really the criminal? The man with the camera? Or the society that allowed him this lust without naming it?
*The whiskey tastes like ash now. I take a sip and wait until the heat swallows me.*
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The toilet of the *Bleeding Heart* was once a place of cleansing. Now it is a confessional in which sins are confessed without there being penance. The women who still go there pretend that nothing has happened. They smile, they drink their coffee, they allow themselves to be stared at, while the camera has long been erased – but the images remain. They remain in the pupils of those who have watched. In the files. In the dreams of those who cannot sleep.
*Outside, the city begins to light up again. Somewhere someone is laughing. It sounds like mockery.*
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Some men collect watches. Others collect women. This man collected gazes. And gazes, once cast, cannot be taken back. They remain like scars, like stitches in the darkness. The justice system will try him. The media will condemn him. But the real question remains: Was he the seducer? Or just a mirror that showed us what we have always known?
*The lightbulb goes out. The night is now complete. I turn off the light and wait until my eyes adjust to the darkness.*
— Kim Benet, *Silk & Shadows*