EIN VERRAT IN SEIDE UND SCHNEE: DIE DAME WÄHLT DAS ROTE BANNER
*NEW YORK, 4. März -*
Der Regen trommelt heute ein besonders hohles Stakkato gegen meine Fensterscheibe, ein Rhythmus so
unbeständig wie die Loyalität einer Frau, die den Glanz der Kamera mehr liebt als den Boden, auf
dem sie laufen lernte. *zuendet sich eine Lucky Strike an und starrt auf das flackernde Licht der
Neonreklame gegenüber* In den staubigen Redaktionsstuben des Terminal Tribune schlagen die Ticker
heute eine Melodie an, die so kalt schmeckt wie der Schnee auf den fernen Gipfeln, auf denen eine
gewisse Eileen Gu beschlossen hat, ihre Seele – oder zumindest ihr Trikot – zu verkaufen.
Man sagt uns, die junge Dame, ein Kind dieses Landes, hätte den Sternenbanner gegen das
scharlachrote Banner des Fernostens eingetauscht, um dort bei den Olympischen Spielen über das Eis
zu jagen. Es ist eine Geschichte, so alt wie die Korruption im Rathaus: Ein Talent, das hier unter
unserer Sonne gereift ist, entscheidet sich in der Stunde des Ruhms für die Seite, die vielleicht
mehr bietet als nur Ehre und ein ehrliches Händewerk. Die Nachricht schlug hier ein wie eine
schlechte Nachricht am Zahltag, und die Kontroversen ziehen Kreise wie der Rauch meiner Zigarette,
der sich langsam unter der Decke verfängt.
Gu selbst, mit dem Lächeln einer Debütantin, die genau weiß, welcher Fotograf die besten Winkel
einfängt, spricht davon, sie wolle den „größten positiven Einfluss“ ausüben. *schnaubt und ascht
auf den fleckigen Teppich* Ein schöner Satz für die Sonntagsbeilage, gewiss, aber in einer Welt, in
der die Schatten länger werden und die Männer in den Hinterzimmern von Peking die Fäden ziehen,
klingt „Einfluss“ oft nur nach einem anderen Wort für eine gut gefüllte Schatulle. Es ist die Art
von Idealismus, die man sich nur leisten kann, wenn man auf Skiern aus purem Gold steht, während
der kleine Mann auf der Straße zusieht, wie seine Werte im Dreck der Geschichte versinken.
Es ist ein seltsames Schauspiel, wenn die Heimat zur bloßen Option wird, zu einem Mantel, den man
ablegt, wenn der Wind von einer anderen Seite wärmer weht. In diesen Tagen, in denen Treue zum
Vaterland von den Intellektuellen als altmodisches Accessoire abgetan wird, scheint Frau Gu die
perfekte Heldin einer neuen, wurzellosen Zeit zu sein. Sie will die Welt verbessern, sagt sie,
während sie unter einer Flagge antritt, die für vieles steht, aber sicher nicht für die Freiheit,
die ihr überhaupt erst das Skifahren ermöglichte. Aber was weiß ein müder Schreiberling schon von
den „positiven Einflüssen“ einer Abfahrt, wenn unten am Ende des Hangs nur die Politik wartet, um
einen aufzufangen?
*lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt eine Warnung unter der Last eines weiteren grauen Tages*
*Am Ende schmilzt der Schnee immer, und was darunter zum Vorschein kommt, ist selten so weiß wie
die Weste, die man uns verkaufen will.*