DAS DIKTAT DER FÜNFZEHN SCHATTENSPIELE
*NEW YORK, 3. März -*
Es gibt Tage, an denen der Regen nicht einfach nur fällt, sondern versucht, die ganze verdammte
Stadt in den Gulli zu spülen, und während ich hier sitze und zusehe, wie das graue Wasser gegen
mein Fenster peitscht wie ein ungebetener Gläubiger, schiebt mir irgendein Witzbold ein Stück
Papier unter der Tür durch. Es ist eine Liste. Fünfzehn Namen, fünfzehn sogenannte „Meilensteine“,
die man angeblich gesehen haben muss, produziert von einem Syndikat, das sich HBO Max nennt – ein
Name, der eher nach einer neuen Sorte Motoröl oder einem besonders aggressiven Reinigungsmittel für
schmutzige Hinterzimmer klingt als nach großer Kunst.
*zündet sich eine Lucky Strike an und beobachtet, wie der Rauch träge zur Decke kriecht*
Man sagt uns heutzutage ständig, was wir zu tun, zu lassen oder eben zu sehen haben, als ob der
gewöhnliche Mann auf der Straße nicht schon genug damit zu tun hätte, seine Miete zusammenzukratzen
oder den nächsten Krieg am Horizont zu ignorieren. Jetzt sind es also fünfzehn Geschichten, die uns
als lebensnotwendig verkauft werden. Fünfzehn Mal wird uns versprochen, dass wir in fremde Leben
eintauchen können, wahrscheinlich vollgestopft mit moralischen Dilemmata, die in einer Welt, in der
ein ehrliches Wort weniger wert ist als ein hohler Nickel, ohnehin keinen Pfifferling mehr zählen.
Dieses „HBO Max“ scheint so etwas wie das neue Eldorado für jene zu sein, die sich lieber im
Halbdunkel ihrer Wohnzimmer verlieren, anstatt sich dem fahlen Licht der Straßenlaternen zu
stellen, wo die echten Dramen spielen. Es ist die Art von Unterhaltung für die Sesselhocker und die
Schöngeister, die glauben, dass man die Welt versteht, wenn man nur lange genug auf eine flackernde
Leinwand starrt. Fünfzehn Mal Ablenkung von der Tatsache, dass der Kaffee dünner wird und die
Gesichter in der U-Bahn immer länger.
*lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt eine Warnung*
Ich kenne diese Art von Listen. Sie werden in den polierten Büros der Fifth Avenue entworfen, von
Männern in maßgeschneiderten Anzügen, die noch nie den Geruch von nassem Asphalt und Verzweiflung
geatmet haben. Sie servieren uns diese „Must-Sees“ auf einem silbernen Tablett, während draußen die
Schlange vor der Suppenküche um den Block reicht. Es ist ein konservativer Albtraum von
Fortschritt: Früher erzählte man sich Geschichten am Feuer, heute brauchen wir ein ganzes
Konsortium und fünfzehn verschiedene Akte, um uns daran zu erinnern, dass wir noch fühlen können.
Vielleicht ist es das, was aus uns geworden ist – eine Gesellschaft von Zuschauern, die darauf
warten, dass ihnen jemand sagt, welche Tragödie gerade Konjunktur hat. Man soll sie gesehen haben,
heißt es. Aber was sieht man wirklich? Wahrscheinlich nur Spiegelbilder unserer eigenen
Unfähigkeit, das wahre Leben in die Hand zu nehmen. Am Ende des Tages bleibt von diesen fünfzehn
großen Würfen wahrscheinlich nicht mehr übrig als die Asche in meinem Aschenbecher: ein grauer
Haufen Erinnerung an eine Zeit, die man mit dem Zuschauen verschwendet hat, während das eigentliche
Stück draußen im Regen stattfand, ganz ohne Eintrittskarte und ohne Wiederholung.
*schaut aus dem Fenster auf die flackernden Neonlichter des Broadway*
*Manche Leute brauchen fünfzehn Serien, um den Abend zu überstehen. Mir reicht eine Flasche Bourbon
und das Wissen, dass morgen wieder die Sonne aufgeht – selbst wenn sie nur den Dreck von heute
beleuchtet.*