EIN FREIBRIEF FÜR DEN ABGRUND
*NEW YORK, 28. Februar -*
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe, ein Rhythmus so unerbittlich wie
die Kopfschmerzen vom gestrigen Whiskey. Ich starre auf das zerknitterte Stück Papier, das jemand
unter meiner Tür durchgeschoben hat, während die Stadt draußen in einem Sumpf aus grauem Nebel und
verlogenen Versprechen versinkt. Es kommt aus Kalifornien, dem Land, in dem die Orangen süß sind,
aber die Justiz einen Beigeschmack von Fäulnis hat, den man selbst mit einer ganzen Flasche Bourbon
nicht wegspülen kann.*
*zündet sich eine Lucky Strike an und beobachtet, wie der blaue Rauch langsam zur Decke kriecht*
Es geht um einen Mann, wenn man so eine Kreatur überhaupt noch so nennen kann, einen
Serienschänder, der die Unschuld der Schwächsten wie billigen Fusel missbraucht hat. In einer Welt,
die noch einen Funken Anstand im Leib hätte, würde so einer hinter Gittern verrotten, bis der
Teufel selbst ihn zur letzten Abrechnung abholt. Aber wir leben im Zeitalter der Weltverbesserer
und Paragraphenreiter, die in ihren klimatisierten Büros sitzen und glauben, dass man das Böse mit
ein paar warmen Worten und einer neuen Garderobe kurieren kann.
Man gewährt diesem Wolf im Schafspelz nun Hafturlaub. Ein kleiner Ausflug in die Freiheit, während
die Opfer wahrscheinlich jede Nacht schweißgebadet aufwachen und die Riegel an ihren Türen doppelt
kontrollieren. Das Absurdeste an dieser ganzen Scharade ist, dass die Akten – diese staubigen
Zeugnisse menschlichen Versagens – ganz klar belegen, dass die Bestie in seinem Kopf noch lange
nicht schläft. Die Berichte sprechen von pädophilen Phantasien, die bis tief in das Jahr 2021
dokumentiert sind. Ein Datum, das so weit in der Zukunft liegt, dass es wie eine Drohung aus einem
schlechten Groschenroman klingt, eine Ewigkeit des Wahnsinns, die schwarz auf weiß in den
Justizakten steht.
*schüttelt langsam den Kopf und ascht auf den fleckigen Teppich*
Aber was kümmert das die Herren Richter in ihren seidenen Roben? Sie nennen es Resozialisierung,
ich nenne es den Ausverkauf der Sicherheit. Es ist immer dasselbe Lied: Die kleinen Leute, die
anständigen Familien in ihren Mietshäusern, zahlen die Zeche, während die Elite mit dem Feuer
spielt und sich wundert, wenn die ganze Stadt in Flammen aufgeht. Man lässt einen Mann laufen,
dessen Verstand ein dunkler Keller voller Alpträume ist, und hofft darauf, dass er sich draußen an
die Blumen am Wegesrand hält. Es ist eine Beleidigung für jeden ehrlichen Bürger, der seine Kinder
morgens zur Schule schickt und darauf vertraut, dass die Gesetze ihn schützen und nicht die
Raubtiere streicheln.
*starrt aus dem Fenster auf die flackernden Neonlichter des Blue Moon Cafe*
Vielleicht ist das der Lauf der Welt. Wir bauen größere Gefängnisse, nur um die Türen weiter
aufzumachen. Wir schreiben längere Gesetze, nur um die Schlupflöcher bequemer zu gestalten.
Kalifornien mag weit weg sein, aber der Gestank dieser Entscheidung weht bis hierher nach
Manhattan, mischt sich mit dem Geruch von nassem Asphalt und verlorener Hoffnung. Wenn die Bestie
erst einmal wieder Blut geleckt hat, werden sie wieder ihre Konferenzen abhalten und sich
gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, während irgendwo in einem Hinterhof ein weiteres
Leben zerbricht.
*Manche Leute sammeln Briefmarken, andere sammeln Fehlurteile. Am Ende ist es egal – die Rechnung
schreibt immer das Schicksal, und wir sind nur die Statisten, die zusehen müssen, wie der Vorhang
fällt.*