*[Die Glühbirne über dem Schreibtisch flackert wie ein sterbendes Auge. Irgendwo in der Stadt heult ein Sirenenchor, als würde die Nacht selbst weinen. Der Whiskeyglas tropft langsam über den Rand – nicht auf den Boden, nein, auf das Manuskript. Die Tinte wird sich einmischen. Wer soll das schon merken?]*
Fünf Jahre. Fünf Jahre seit der Kugel, die Marielle Franco durchbohrte wie ein Messer durch Seide. Fünf Jahre seit das Blut an den Wänden von Rio de Janeiro klebte wie ein schlecht getrocknetes Verbrechen. Die Menschenrechtsaktivistin, die Afrobrasilianerin mit den Feueraugen und der Stimme, die die Mächtigen zum Zittern brachte – sie lag jetzt kalt in einem Sarg, während die Mörder im Schutz der Schatten lachten. Und die Richter? Die Richter schlagen zu wie Peitschen. Warum? Weil das Blut der Schwachen immer die saubersten Hände wäscht.
*[Ein Rauchring steigt aus der Zigarette auf, die zwischen den Fingern tanzt. Der Geruch von verbranntem Papier vermischt sich mit dem süßlichen Gestank der Gier. Irgendwo in der Redaktion knarrt ein Stuhl – jemand ist noch wach. Oder wartet.]*
Es war kein Zufall. Es war kein Raubmord. Es war ein politisches Blutbad, eingewickelt in die Flagge des Schweigens. Marielle Franco kämpfte für die Frauen, die Schwarzen, die Armen – für all die, deren Namen die Geschichte nicht einmal mit einem Fragezeichen bedenken würde. Und wer hasst die Namen, die zu laut sind? Die Männer in Anzügen, die ihre Hände in den Taschen vergraben wie einen Beweis. Die Milizen, die sich als „Befreier“ tarnen. Die Richter, die im Prozess gegen die Mörder plötzlich so streng werden wie ein Messer in der Hand einer Frau, die zu viel weiß.
*[Das Telefon klingelt. Kim Benet atmet tief durch, als könnte sie die Anrufe wie eine Seifenblase platzen lassen. Sie greift nicht. Irgendwo in Brasilien wird gerade ein weiterer Name gestrichen. Die Liste ist lang. Und die Tinte ist frisch.]*
In Voerde, an den Ufern des Niederrheins, gab es einen ähnlichen Fall. Eine Frau, dreifache Mutter, ermordet wie ein Tier. Vier Männer stehen jetzt vor Gericht, doch die Frage bleibt: Wer hat den Auftrag gegeben? Immer gibt es einen Auftraggeber. Immer. Und in Brasilien? Dort gibt es die „Foxtrot“-Netzwerke, diese unsichtbaren Fäden, die sich durch die Gesellschaft schlängeln wie Schlangen durch ein Gewitter. Organisierte Kriminalität, organisiert von denen, die denken, sie stünden über dem Gesetz. Doch das Gesetz ist nur ein Messer – und es schneidet am tiefsten, wenn es in der Hand derer ist, die glauben, es sei ihr Eigentum.
*[Die Uhr tickt. Irgendwo tickt eine Bombe. Kim Benet nippt an ihrem Whiskey, der jetzt fast schwarz ist wie die Nacht draußen. Sie denkt an die Frauen, die Marielle Franco verteidigt hat. An die, die jetzt schweigen müssen. An die Richter, die mit ihren Urteilen wie mit einer Peitsche um sich schlagen. Und sie schreibt weiter. Denn die Wahrheit ist kein Glas, das man zerschlägt. Sie ist ein Messer, das man zieht – und dann schneidet es durch die Lügen.]*
Die Richter schlagen zu, weil sie Angst haben. Angst vor dem, was ans Licht kommt, wenn man die Fäden der Macht durchtrennt. Marielle Franco war keine Märtyrerin – sie war eine Kämpferin. Und die Kämpfer werden immer ermordet, bevor sie siegen. Doch die Wahrheit? Die Wahrheit ist wie ein Gift: Sie breitet sich aus, und irgendwann ist das ganze System vergiftet. Und dann? Dann bleibt nur noch das Blut an den Wänden. Und das Schweigen derer, die es wissen.
*[Kim Benet lehnt sich zurück. Der Whiskey ist leer. Irgendwo in der Stadt brennt ein Haus. Sie weiß, dass es nur der Anfang ist.]*
— Kim Benet, *Silk & Shadows*