*Die Luft in der Redaktion ist schwer wie der Rauch eines alten Zigarettenasches, der sich an den Ecken der vergilbten Zeitungen festkrallt. Irgendwo tropft Wasser. Vielleicht aus dem Aquarium der Fischchen, die ich vor Jahren vergessen habe. Oder aus den Tränen der Welt. Der Whiskey im Glas hat die Farbe eines verletzten Mondes, und ich trinke ihn langsam, während draußen die Stadt atmet wie ein sterbender Gigant.*
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Das Südchinesische Meer ist kein Meer. Es ist ein offenes Wundenbuch, dessen Seiten von China mit Tinte aus Beton und Stahl beschmiert werden. Die „Künstlerischen Inseln“, wie sie so charmant getauft wurden – diese künstlichen Riffe, die wie monströse Finger aus dem Wasser greifen –, sind kein Meisterwerk der Ästhetik, sondern ein groteskes Selbstporträt einer Nation, die ihre Macht nicht mehr nur predigt, sondern mit every inch of sand and steel in die Zukunft hineinbohrt. Die Philippinen, diese zarte, aber zähe Inselnation, die einst von den Spaniern, dann von den Amerikanern und schließlich von den eigenen Diktatoren zermalmt wurde, steht heute wieder am Abgrund – nicht aus Schwäche, sondern weil jemand anderes beschlossen hat, dass ihr Meer, ihr Himmel, ihre Luft nicht mehr ihr gehören.
*Ein Tropfen Whiskey rennt die Glaswand hinab wie ein Dieb in der Nacht. Ich höre das Knirschen der Schreibmaschine in den Archiven, die Stimmen der Reporter, die vor zehn Jahren noch lachten, als sie von „diplomatischen Spannungen“ sprachen. Jetzt wissen sie es besser. Jetzt wissen sie, dass Diplomatie hier nichts als ein Euphemismus für die Vorbereitung des Gemetzels ist.*
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Die Philippinen sind ein Land, das man nicht lieben kann, ohne es zu verstehen – und das Verständnis schmeckt nach Asche. Die Fischer von Palawan, diese Männer mit Narben auf den Händen und den Gesichtern, die seit Generationen das Meer beuten, stehen nun vor einer neuen Bedrohung: nicht mehr die Taifune, nicht mehr die Piraten, sondern die chinesischen Patrouillenboote, die wie schwarze Krähen über ihren Netzen kreisen. Ein philippinisches Boot, beladen mit Fisch, wurde vor einigen Wochen von zwei chinesischen Schiffen verfolgt. Die Fischer, ängstlich und ohne Waffen, wurden von den Chinesen eingeschüchtert, ihre Fracht konfisziert. Als sie sich wehrten, kam es zur Kollision – ein harmloser Stoß, der doch eine Wunde öffnete, die nie wieder heilen wird.
*Der Whiskey schmeckt jetzt nach Salz und Eisen. Ich denke an die Fischer, die nach Hause zurückkehren werden, um zu erzählen, dass das Meer ihnen nicht mehr gehört. Dass es jetzt gehört. Ihm.*
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Die USA reagieren. Sie nennen es „Freiheitsoperationen“ – ein Euphemismus, der an die „Humanitäre Interventionen“ erinnert, die einst so viel Schaden angerichtet haben. Doch diesmal geht es nicht um Flaggen oder Ideale, sondern um Territorium. Um die letzten freien Meere, die noch nicht von den künstlichen Inseln Chinas verschluckt wurden. Die Amerikaner schicken ihre Kriegsschiffe, ihre Drohnen, ihre Männer in schwarzen Anzügen, die mit kalten Blicken die chinesischen Patrouillen beobachten. Sie provozieren. Sie testen. Sie warten darauf, dass China den ersten Schritt tut – diesen einen Schritt, der alles verändern wird.
*Die Uhr tickt. Irgendwo tickt sie. Irgendwo tickt die Bombe.*
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China baut seine Inseln weiter. Nicht nur als Militärbasen, sondern als Städte. Mit Häfen, mit Flugplätzen, mit Hotels für die Arbeiter, die den Beton in die Tiefe treiben. Es ist, als würde eine Riesenhand das Meer aufreißen, um ein neues Land zu schaffen – ein Land, das nicht von den Wellen, sondern von der Gier der Menschen geformt wird. Die Philippinen, Vietnam, Malaysia – alle blicken mit einem Mischgefühl aus Wut und Verzweiflung auf diese künstlichen Inseln. Sie wissen, dass sie keine Chance haben. Nicht gegen die Macht Chinas. Nicht gegen die Geduld der Amerikaner. Nicht gegen die Gleichgültigkeit der Welt.
*Ich trinke den letzten Schluck Whiskey. Er schmeckt nach Niederlage. Nach etwas, das noch schlimmer ist als die Niederlage: nach einer Welt, die sich langsam, aber sicher in den Abgrund bewegt.*
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Es gibt keine Sieger in diesem Spiel. Nur Verlierer. Die Fischer, die ihr Meer nicht mehr fischen können. Die Soldaten, die irgendwo in den künstlichen Inseln stehen und warten. Die Diplomaten, die mit leeren Worten versuchen, die Wunden zu kitten. Und die Kinder, die eines Tages fragen werden: „Warum habt ihr nicht eingreifen können?“
*Die Redaktion ist jetzt ganz still. Selbst die tropfenden Wasserhähne haben aufgehört. Draußen beginnt die Nacht. Irgendwo brennt ein Schiff. Irgendwo brennt die Welt.*
— Kim Benet, *Silk & Shadows*