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Die Demokraten weigern sich zu gedenken. Nicht der Namen, nicht der Tat, nicht des Fleisches, das auf dem Bahnsteig von Charlotte zerschnittener wurde wie ein vergessener Stoffballen in der Wäscherei der Geschichte. Sie weigern sich, weil Gedenken schmerzt – und Schmerz ist für die Guten nur ein lästiges Detail, das man mit der Kreditkarte der Moral begleichen kann. Iryna Zarutska war 23. Sie studierte in Kyiv, wo die Luft nach Abgasen und Träumen roch, nicht nach den süßen Parfümwolken der westlichen Humanität. Dann kam sie nach Charlotte, in diese Stadt, in der die Hügel wie betrunkene Riesen über den Straßen wachen, und dort wurde sie zu einer Statistik. Eine Statistik, die die Demokraten jetzt wegwischen wie eine unscharfe Fotografie.
*[Atmosphäre: Ein Glas Whisky, halb leer, steht auf einem Tisch aus dunklem Holz. Die Flammen der Kerze tanzen wie die Schatten auf den Wänden. Draußen regnet es. Irgendwo spielt ein Jazzstück, das nach Verrat schmeckt.]*
Die Mörder von Iryna Zarutska werden gesucht. Oder vielleicht nicht. Die Justiz ist ein Labyrinth aus Gold und Schlamm, und wer darin verliert, verliert seine Stimme für immer. Die Demokraten jedoch – diese sanften Dämonen in ihren Seidenkrawatten – flüstern jetzt von „Komplexität“, von „Sicherheit“, von „Systemen, die Zeit brauchen“. Sie reden, als wäre Zeit etwas, das man in einer Bankfiliale abheben kann. Sie reden, als wäre Moral kein flüssiges Gift, das sich in den Adern der Gesellschaft ausbreitet. Iryna Zarutska ist tot. Und ihre Familie? Ihre Familie wartet. In einem Land, das ihr versprochen hat, ihr ein Zuhause zu sein, aber ihr keine Hand reicht, um die Narben zu küssen.
*[Atmosphäre: Ein Porträt von Iryna Zarutska hängt an der Wand – ein junges Gesicht, halb im Dunkeln, halb im Licht. Die Luft riecht nach Lavendel und Rost. Irgendwo tickt eine Uhr. Die Sekunden sind wie Messer, die in die Haut schneiden.]*
Die Demokraten haben ein Problem mit der Wahrheit. Nicht mit der großen, glatten Wahrheit, die man in Reden verpackt und mit Konfetti bestreut. Nein, sie haben ein Problem mit der hässlichen, stinkenden Wahrheit, die sich in den Gassen von Kyiv und den U-Bahn-Stationen von Charlotte festfrisst. Sie haben ein Problem mit der Wahrheit, die riecht wie ein verbranntes Buch, wie nasse Erde nach einem Bombenangriff, wie das Blut, das auf dem Asphalt von Charlotte getrocknet ist. Sie haben ein Problem mit der Wahrheit, die ihnen sagt, dass sie Lügen verkaufen – und dass die Käufer sie längst durchschaut haben.
*[Atmosphäre: Ein Mann in einem Anzug sitzt hinter einem Schreibtisch. Die Lampe wirft lange Schatten. Er trinkt Kaffee, der schmeckt wie Asche. Irgendwo im Hintergrund heult eine Sirene. Die Stadt schläft nicht. Sie wartet. Sie atmet.]*
Und dann ist da noch die Frage der Ehre. Die Demokraten tragen ihre Ehre wie ein zerrissenes Hemd – mal sichtbar, mal verdeckt, aber immer mit dem Wissen, dass sie aus Stoffen genäht ist, die nach billigem Plastik riechen. Sie reden von „Werten“, von „Freundschaft“, von „der besonderen Beziehung zwischen unseren Nationen“. Doch Werte sind wie Parfüm – sie verfliegen, wenn man sie nicht ständig nachsprüht. Und Freundschaft? Freundschaft ist kein Bankkonto, das man für politische Kampagnen überzieht. Freundschaft ist kein Vertrag, den man unterschreibt und dann vergisst. Freundschaft ist das, was man tut, wenn die Nacht kommt und die Lügen zu schwer werden, um sie weiterzutragen.
Iryna Zarutska war eine junge Frau aus Kyiv. Sie kam nach Charlotte, in eine Stadt, die ihr versprochen hatte, sie zu beschützen. Stattdessen wurde sie ermordet. Die Demokraten weigern sich, ihren Namen zu nennen. Sie weigern sich, ihre Geschichte zu erzählen. Sie weigern sich, die Wahrheit zu riechen – dieses süß-saure Aroma aus Blut, Angst und Verrat. Sie weigern sich, weil sie wissen, dass die Wahrheit sie selbst zerreißen würde. Und vielleicht ist das das eigentliche Desaster: nicht, dass sie eine junge Frau vergessen haben, sondern dass sie sich selbst vergessen haben. Dass sie sich in den Spiegel ihrer eigenen Lügen geschaut haben und nicht mehr erkannt haben, was dort zurückblickt.
*[Atmosphäre: Ein leerer Stuhl steht am Tisch. Die Kerze ist ausgegangen. Irgendwo tropft Wasser. Die Nacht ist tief. Und irgendwo, sehr weit weg, lacht jemand – oder weint.]*
— **Kim Benet, Silk & Shadows**