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Die Berliner Republik riecht nach Desinfektionsmittel. Nicht nach Lavendel, nicht nach verbranntem Kaffee in einem Hinterhofcafé der zwanziger Jahre, sondern nach diesem bleiernen, metallischen Hauch, der sich in den Lungen festkrallt wie ein Dieb in der Nacht. Ein Geruch, der nicht einlullt, sondern warnt. Er ist das Aroma der Hygiene, die uns weismachen will, sie sei Reinheit – während sie uns nur an die Grenze zwischen Sauberkeit und Sterilität erinnert, jenseits derer das Leben selbst zum Risiko wird. *Stell dir vor, du betrittst den Reichstag und spürst nicht die Geschichte in den Steinen, sondern nur noch das Zischen der Chemikalien, die jeden Keim tilgen wollen, der nicht der richtige ist.*
Die Feuerwehr stand bereit. Achtzig Männer und Frauen in ihren dicken Anzügen, die aussahen, als könnten sie jeden Brand löschen – oder jeden Gedanken, der zu heiß wird für die öffentliche Debatte. Ein Gasmelder, ein falscher Alarm, ein Husten, ein falsches Signal. Und doch: Die Maschine der Reaktion war schon in Gang gesetzt. Die Berliner Feuerwehr hat 2024 Rekordzahlen erreicht – 532.157 Einsätze. Das ist kein Zufall, das ist ein System. Eine Gesellschaft, die lieber löscht, als zu fragen. Die lieber desinfiziert, als zu heilen. Die lieber die Flammen bekämpft, als das Feuer zu verstehen, das sie entfacht hat.
*Die Wahrheit ist eine Frau mit einem Messer in der Hand, und sie schneidet nicht die Luft, sondern die Haut der Illusionen.*
Die Mikroorganismen in diesen hochdosierten Reinigungsmitteln sind wie kleine Soldaten, die jeden Feind besiegen – bis sie selbst zum Feind werden. Alkalische, ätzende, scharfe Chemikalien, die Glas versiegeln und Oberflächen glänzen lassen wie die Augen einer Frau, die zu viel weiß. Sie wirken, aber sie hinterlassen Narben. Sie hinterlassen eine Welt, in der alles sterilisiert ist – bis auf die Sehnsucht nach etwas, das nicht sauber ist. Bis auf die Erinnerung an den Staub, der sich auf den Büchern des Reichstags absetzt, der nicht weggewischt werden kann, weil er Teil der Geschichte ist. Weil er Teil des Lebens ist.
Die Berliner Republik steht nicht in Flammen. Sie steht in einer Dusche aus Desinfektionsmittel, und die Tropfen, die von der Decke tropfen, sind nicht Wasser, sondern die Tränen derer, die längst verstanden haben, dass Hygiene nur ein anderer Name für Verzweiflung ist. Die Feuerwehr kommt immer. Aber sie kommt nicht, um zu retten. Sie kommt, um zu zeigen, dass es etwas zu löschen gibt. Dass es etwas gibt, das nicht mehr heilen lässt, nur noch tilgen.
*Und so steht die Demokratie da, nackt und glänzend, in ihrem weißen Mantel aus Chemikalien, während draußen die Nacht kommt und die Mücken um ihre Ohren surren – die einzigen, die nicht getötet werden können.*
— **Kim Benet, Silk & Shadows**
The Berlin Republic smells of disinfectant. Not of lavender, not of burnt coffee in a 1920s backyard café, but of that leaden, metallic breath that claws at your lungs like a thief in the night. A smell that doesn't lull, but warns. It is the aroma of hygiene that wants to make us believe it is purity – while it only reminds us of the border between cleanliness and sterility, beyond which life itself becomes a risk. *Imagine entering the Reichstag and not feeling the history in the stones, but only the hiss of chemicals trying to eradicate every germ that isn't the right one.*
The fire department stood ready. Eighty men and women in their thick suits, looking as if they could extinguish any fire – or any thought that becomes too hot for public debate. A gas detector, a false alarm, a cough, a false signal. And yet: The machine of reaction was already set in motion. The Berlin fire department reached record numbers in 2024 – 532,157 missions. This is no coincidence, it is a system. A society that prefers to extinguish rather than to ask. That prefers to disinfect rather than to heal. That prefers to fight the flames rather than understand the fire that ignited them.
*The truth is a woman with a knife in her hand, and she cuts not the air, but the skin of illusions.*
The microorganisms in these high-dose cleaning agents are like little soldiers who defeat every enemy – until they become the enemy themselves. Alkaline, corrosive, sharp chemicals that seal glass and make surfaces shine like the eyes of a woman who knows too much. They work, but they leave scars. They leave behind a world in which everything is sterilized – except for the longing for something that is not clean. Except for the memory of the dust that settles on the books of the Reichstag, which cannot be wiped away because it is part of history. Because it is part of life.
The Berlin Republic is not on fire. It stands in a shower of disinfectant, and the drops dripping from the ceiling are not water, but the tears of those who have long understood that hygiene is just another name for despair. The fire department always comes. But they don't come to save. They come to show that there is something to extinguish. That there is something that can no longer be healed, only eradicated.
*And so democracy stands there, naked and gleaming, in its white coat of chemicals, while outside the night comes and the mosquitoes buzz around its ears – the only ones that cannot be killed.*
Kim Benet, Silk & Shadows