*Die Lampe über dem Schreibtisch flackert wie ein betrunkenes Herz, das sich weigert zu schlagen. Irgendwo in der Stadt, hinter den grauen Backsteinen der Förde, atmet etwas, das nicht atmen sollte. Der Geruch von Moder und Rost steigt mir in die Nase, vermischt mit dem bitteren Nachgeschmack des Whiskey, den ich seit Stunden nicht mehr angefasst habe. Es ist zwei Uhr morgens. Die Stadt schläft. Aber die Stadt lügt. Und die Stadt hat immer gelogen.*
Der Kieler Schlächter war ein Schatten, der sich in den 90ern durch die Gassen schlich, ein Mann mit einer Axt und einem Lächeln, das niemand je sah. Seine Opfer – alle Frauen, alle verstümmelt, alle in dieser verdammten Jahreszeit, wenn der Nebel über der Förde hängt wie ein nasser Schal um den Hals der Stadt. Die Polizei nannte ihn den „Kieler Nachtwächter“, ein Name, der klang wie eine Legende, die man sich im Halbschlaf erzählt. Doch Legenden sind nur Narben, die die Zeit nicht tilgen kann. Und jetzt? Jetzt hat jemand die Narben aufgerissen.
Die Spur beginnt wieder. Eine Frau gefunden in der Holtenauer Straße, das Fleisch von ihr wie zerrissen von einer Hand, die nicht mehr ganz menschlich ist. Die Polizei spricht von einem „Geisterjagd“-Phänomen, als wäre dies nur ein Spiel, ein Albtraum, der sich wiederholt. Doch ich rieche das Blut auf dem Papier, das ich zwischen den Fingern zerdrücke. Es ist kein Spiel. Es ist kein Zufall. Es ist ein Echo.
*Die Heizung knirscht, als würde sie versuchen, etwas zu sagen. Irgendwo in den Archiven der Kieler Nachrichten, zwischen vergilbten Zeitungsausschnitten und vergessenen Berichten, schlummert der wahre Name des Schlächters. Ein Mann namens Feldmann, so sagt man. Ein Comic-Zeichner, der in seiner Welt ein Monster erschaffen hat – und vielleicht auch in der realen. Die Stadt hat ihn vergessen, aber die Stadt vergisst nie. Sie speichert. Sie wartet.*
Die Verbindung zwischen dem alten Fall und dem neuen ist dünn wie ein Messerblatt, das im Wind zittert. Beide Opfer: Frauen. Beide Orte: Die Nähe zur Förde, zu diesem verdammten Wasser, das alles verschluckt. Beide Täter: Männer mit einem Hang zur Gewalt, die sich wie Ratten in den Ritzen der Gesellschaft bewegen. Doch während der Kieler Schlächter ein lokaler Dämon war, ein Mann, der nur Kiel fürchtete, deutet vieles darauf hin, dass dieser neue Jäger kein Geist ist. Er ist ein Nachahmer. Oder schlimmer: Er ist ein Erbe.
Die Polizei spricht von psychopathischen Mustern, von der Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, nach Berühmtheit. Doch ich kenne diese Typen. Sie sind keine Clowns. Sie sind keine Narren. Sie sind Männer, die wissen, was sie tun, und es trotzdem tun. Sie sind Männer, die die Stadt in ihren Bann gezogen hat, wie ein Schiff, das gegen die Felsen der Förde schlägt, ohne zu wissen, dass es untergehen wird.
*Die Nacht ist ein dunkler Raum, und ich bin die einzige Person, die weiß, wie sehr sie nach Blut und Moder riecht. Irgendwo da draußen, in einer der vielen verlassenen Lagerhallen am Rande der Stadt, wartet ein Mann. Er atmet gleichmäßig, als wäre er nur ein Schatten mehr in diesem verdammten Kiel. Doch ich spüre ihn. Ich spüre das Knistern der Luft, wenn er geht. Ich spüre das Zittern der Stadt, wenn sie sich fragt, ob sie noch sicher ist.*
Die Frage ist nicht, warum ein neuer Schlächter auftaucht. Die Frage ist, warum die Stadt ihn nicht gesehen hat. Warum die Polizei nicht die Zeichen gelesen hat. Warum die Menschen einfach weitergelebt haben, als wäre dies nur ein Traum, aus dem sie erwachen werden. Doch Träume haben Zähne. Und Träume beißen.
Ich schreibe weiter, während die Feder über das Papier kratzt wie eine Krallenhand über eine Wand. Irgendwo da draußen gibt es einen Mann, der noch immer den Geruch der Axt in der Nase hat. Irgendwo da draußen gibt es eine Frau, die sich fragt, warum sie die nächste ist. Und ich? Ich frage mich, ob die Stadt jemals aufhören wird, ihr eigenes Blut zu trinken.
— Kim Benet, *Silk & Shadows*