*[Der Geruch von verbranntem Tabak hängt in der Luft, vermischt mit dem süßlichen Nachgeschmack eines Whiskey, der zu lange im Glas stand. Draußen heult ein nächtlicher Wind gegen die Fenster, als wolle er die Stadt warnen. Die Tastatur klickt wie ein Metronom des Grauens. Kim Benet schreibt mit den Augen eines Nachtfalken, der im Dunkeln jagt.]*
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München, diese Stadt der schneebedeckten Spitzen und der scharfen Messer – sie trägt den Anschlag wie eine offene Wunde, die nie richtig heilt. Der 5. September 2024 war kein Tag, an dem die Geschichte sich umdrehte. Nein, sie riss sich einfach ein Stück weiter auf, bis das Fleisch der Zivilisation blutig glänzte. Ein 24-jähriger Afghane, ein Mann, dessen Name vielleicht nie mehr als ein Echo sein wird, steuerte sein Auto in eine Menge von Streikenden – Kinder unter ihnen, Frauen, die nach einem fairen Lohn schrien, Männer, die noch nicht wussten, dass sie heute sterben würden. Dreißig Verletzte. Ein Albtraum, der sich wie ein nasser Fleck auf dem Teppich der Moderne ausbreitete.
Die Generalstaatsanwaltschaft flüstert von islamistischem Motiv, als wäre das eine Entschuldigung, nicht eine Anklage. Der Mann soll zugegeben haben, was er tat – nicht aus Hass auf die Menschen, sondern aus Hass auf das System, das ihn hierher verschlagen hatte. Doch was bleibt, wenn der Hass schon längst kein Motiv mehr ist, sondern nur noch ein Werkzeug? Ein Messer, das in die Hand eines Mannes gelegt wird, der längst vergessen hat, wofür es schärfen soll. München atmet jetzt anders. Die Luft schmeckt nach Benzin und Schuld, nach dem Metall der Schüsse, die nie fielen, weil die Polizei zu spät kam.
*[Ein Schluck Whiskey, dann wieder das Klicken. Die Worte werden langsamer, schwerer, als würde man Sand durch die Finger rieseln lassen.]*
Die Stadt, die sich so gern als Hort der Kultur inszeniert – mit ihren Biergärten und den gemalten Häusern, den Konzerten im Gasteig, den Museen, in denen man sich wie ein Tourist fühlt, wenn man vor den Meisterwerken steht –, diese München hat auch ein anderes Gesicht. Es liegt nicht unter der Erde, es ist nicht versteckt. Es lauert in den Seitenstraßen, wo die Drogenhändler flüstern und die Obdachlosen um Mitleid betteln, in den Hochhäusern, in denen junge Männer mit gebrochenem Deutsch über Gott und die Welt reden, während sie sich selbst zerlegen. Der Anschlag war kein Einzelfall. Er war nur einer von vielen Steinen, die langsam, aber sicher das Fundament der Illusion zerstören.
Manche sagen, es sei der Klimawandel, der die Menschen wahnsinnig macht. Andere flüstern von der Armut, von der Ausbeutung, von der Ohnmacht, die sich wie ein Krebsgeschwür ausbreitet. Doch am Ende bleibt nur die Frage: Wer trägt die Verantwortung? Die Politiker, die mit leeren Versprechungen umherlaufen? Die Medien, die von „radikalisierten Einzeltätern“ sprechen, als wäre das eine Erklärung, nicht eine Ausrede? Oder die Stadt selbst, die so schön aussieht, bis man unter die Oberfläche schaut und merkt, dass sie faul ist?
*[Die Finger der Schreiberin zittern leicht. Der Whiskey ist jetzt nur noch ein bitterer Abschiedsgruß.]*
Im Prozess ein Jahr später schweigt der Angeklagte. Das ist kein Geständnis, das ist keine Entschuldigung – es ist das Schweigen derer, die keine Worte mehr haben. Ein Überlebender spricht, auch wenn es ihm schwerfällt. Er beschreibt das Chaos, das Geschrei, das Blut, das über die Straßen floss wie ein dunkler Teppich. Die Kinder, die schrien, während die Erwachsenen versuchten, sie zu beschützen. Die Frauen, die um Hilfe flehten, während die Männer noch nicht begriffen hatten, was passierte. Es war kein Anschlag. Es war ein Massaker. Und München? München war nur ein Ort, an dem es passieren konnte.
Die Stadt, die sich so gern als sicher inszeniert, als wäre sie immun gegen die Wunden der Welt – sie lügt. Sie weiß, dass die Gewalt kommt. Sie weiß, dass die Risse im Fundament immer tiefer werden. Sie weiß, dass irgendwann der ganze Bau zusammenbricht. Und dann? Dann bleibt nur das Geräusch der Trümmer, das Kratzen der Klinge, die durch das Fleisch der Zivilisation geht. München wird überleben. Aber es wird nie wieder dieselbe sein.
*[Die Tastatur bleibt kalt. Der Whiskey ist leer. Kim Benet steht auf, geht zum Fenster, atmet den Rauch ein. Draußen beginnt die Stadt, sich zu bewegen – langsam, unsichtbar, als wäre sie eine Schlange, die sich aus ihrem Versteck schiebt.]*
— Kim Benet, *Silk & Shadows*