**Die Mine unter dem Kontinent**
*[Die Lampe flackert. Der Whiskey dampft in der halbleeren Glaskugel, als würde die Nacht selbst ihn langsam auflösen. Draußen heult ein Zug über die Schienen, ein stählernes Flüstern, das sich in den Wänden der Redaktion verliert. Die Tastatur unter den Fingern ist kalt, aber die Worte, die entstehen, brennen wie ein Brandmal. Polen hat wieder einmal bewiesen, dass es kein Land ist, das man lieben kann – nur eines, das man fürchten muss. Und Warschau spielt mit dem Feuer. Nicht aus Dummheit. Sondern aus Verzweiflung.]*
Die Ottawa-Konvention war einst ein zartes Versprechen, ein weißes Band um die Handgelenke der Zivilisation. Ein Abkommen, das behauptete, dass Minen, diese stillen Mörder, die sich in den Beinen der Unschuldigen vergraben wie Eifersucht in einem Liebesbrief, der Vergangenheit angehören würden. Doch jetzt – jetzt, wo die russischen Panzer im Osten knirschen wie verrostete Kniegelenke – hat Polen diese zarte Illusion zerrissen. Mit einem einzigen Federstrich auf einem Vertrag, der nicht mehr nach Blumen duftet, sondern nach Rost und verbranntem Fleisch.
*[Ein Schluck Whiskey. Die Flüssigkeit brennt den Rachen herunter, als wollte sie die Wahrheit herauspressen. Die Grenze. Diese schmale, blutige Linie, die Europa von der Hölle trennt. Polen hat angekündigt, Antipersonenminen entlang seiner 311 Kilometer langen Grenze zu den russischen Enklaven von Kaliningrad und Belarus zu verlegen. Nicht aus Übermut. Sondern aus Angst. Die Angst ist ein schlechter Ratgeber, doch sie hat diese Regierung in den Abgrund getrieben.]*
Die Minen werden nicht fallen wie ein Messer in die Leber, sondern wie ein Verrat in die Seele. Sie sind unsichtbar, bis sie zubeißen. Bis ein Soldat, ein Bauer, ein Kind – ja, Kinder werden immer zuerst sterben – über die unsichtbare Grenze tritt und das Boden unter seinen Füßen ihn verrät. Die Ottawa-Konvention verbietet solche Waffen, weil sie keine Unterscheidung treffen. Sie töten den General und den Bauern, den Mann und das Kind, den Freund und den Feind. Doch Polen, das sich seit Jahrhunderten als Opfer sieht, als das Land, das immer an den Rand gedrängt wird, hat beschlossen: Es wird selbst zum Jäger.
*[Die Finger zucken über die Tastatur. Jeder Buchstabe ist ein Schuss. Die russische Reaktion wird kommen. Nicht sofort. Aber sie wird kommen wie der Winter nach dem ersten Frost. Moskau hat schon spekuliert, dass diese Minen nicht nur eine Provokation sind, sondern ein Signal. Ein Signal, dass Europa bereit ist, sich zu bekämpfen. Dass die alte Ordnung der Diplomaten und Verträge bröckelt wie ein altes Gebäude, das man mit Klebeband zusammenhält.]*
Die europäischen Institutionen sind wie ein zerfleddertes Buch, dessen Seiten langsam von den Fäden zerfressen werden. Die NATO, die einst wie ein Schild über dem Kontinent hing, beginnt zu rostet. Polen, das sich immer als treuer Hund der Westmächte gesehen hat, hat nun beschlossen, die Regeln zu brechen. Und die anderen? Die anderen starren zu lange. Sie fürchten, dass die Mine, die sie heute in Polen legen, morgen in ihren eigenen Gärten liegt.
*[Der Whiskey ist leer. Die Lampe flackert wieder, als würde sie lachen. Draußen heult der Zug. Irgendwo in den polnischen Mittelgebirgen, wo die Wälder wie verwundete Riesen aussehen, werden jetzt Männer graben. Nicht für Saatgut. Sondern für Tod. Und die Minen werden dort liegen, unsichtbar, bis sie zubeißen.]*
Es ist kein Ende, das sich hier abzeichnet. Es ist nur der Anfang von etwas Schlimmerem. Die Minen sind wie die ersten Blätter, die ein Baum ausstreckt, bevor er fällt. Polen hat den ersten Schritt getan. Die anderen werden folgen. Die Frage ist nicht, ob Europa sich selbst zerstören wird. Sondern wann. Und wie viel Blut es brauchen wird, bis alle verstehen, dass sie schon längst im Krieg stehen – nicht mit Russland. Sondern mit sich selbst.
*— Kim Benet, Silk & Shadows*
**The Mine Beneath the Continent**
*[The lamp flickers. Whiskey steams in the half-empty glass orb, as if the night itself were slowly dissolving it. Outside, a train howls over the rails, a steel whisper lost in the walls of the newsroom. The keyboard beneath the fingers is cold, but the words taking shape burn like a brand. Poland has once again proven it is not a country to love—only one to fear. And Warsaw is playing with fire. Not out of stupidity. But out of despair.]*
The Ottawa Convention was once a delicate promise, a white ribbon around the wrists of civilization. An agreement that claimed mines, those silent killers that bury themselves in the legs of the innocent like jealousy in a love letter, would be a thing of the past. But now—now, as Russian tanks grind in the east like rusted knee joints—Poland has torn this delicate illusion. With a single stroke of a pen on a treaty that no longer smells of flowers, but of rust and burnt flesh.
*[A sip of whiskey. The liquid burns down the throat, as if trying to squeeze out the truth. The border. That narrow, bloody line that separates Europe from hell. Poland has announced it will lay anti-personnel mines along its 311-kilometer border with the Russian enclaves of Kaliningrad and Belarus. Not out of arrogance. But out of fear. Fear is a bad advisor, yet it has driven this government into the abyss.]*
PROTOCOL
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The mines will not fall like a knife into the liver, but like a betrayal into the soul. They are invisible until they bite. Until a soldier, a farmer, a child—yes, children will always die first—crosses the invisible border and the ground beneath his feet betrays him. The Ottawa Convention prohibits such weapons because they make no distinction. They kill the general and the farmer, the man and the child, the friend and the enemy. But Poland, which has seen itself as a victim for centuries, as the country that is always pushed to the edge, has decided: it will become the hunter itself.
*[The fingers twitch over the keyboard. Each letter is a shot. The Russian reaction will come. Not immediately. But it will come like winter after the first frost. Moscow has already speculated that these mines are not just a provocation, but a signal. A signal that Europe is ready to fight itself. That the old order of diplomats and treaties is crumbling like an old building held together with tape.]*
- The European institutions are like a tattered book whose pages are slowly being eaten away by the threads.
- NATO, which once hung like a shield over the continent, is beginning to rust.
- Poland, which has always seen itself as a loyal dog of the Western powers, has now decided to break the rules.
- And the others?
CONFLICT
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The others stare for too long. They fear that the mine they lay in Poland today will lie in their own gardens tomorrow.
*[The whiskey is empty. The lamp flickers again, as if it's laughing. Outside, the train howls. Somewhere in the Polish highlands, where the forests look like wounded giants, men will now dig. Not for seeds. But for death. And the mines will lie there, invisible, until they bite.]*
It is not an end that is looming here. It is only the beginning of something worse. The mines are like the first leaves a tree stretches out before it falls. Poland has taken the first step. The others will follow. The question is not whether Europe will destroy itself. But when. And how much blood it will take until everyone understands that they have long been at war—not with Russia. But with themselves.
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Kim Benet, Silk & Shadows