*Die Luft in der Redaktion riecht nach altem Papier, verbranntem Kaffee und dem bitteren Nachklang eines Whiskey, der längst seine erste Runde hinter sich hat. Irgendwo tickt eine Uhr, aber die Zeit hier ist eine andere – sie dehnt sich wie Teer in der Hitze, langsam, klebrig, unausweichlich. Draußen, irgendwo zwischen Aden und der Roten See, brodelt etwas, das nicht mehr eingedämmt werden will. Und wir? Wir schauen zu. Immer. Immer nur zu.*
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Die Huthi-Miliz hat wieder zugeschlagen, wie sie es immer tut – mit einer Präzision, die an eine chirurgische Operation erinnert, obwohl das Blut dabei wie Öl über die Steine des Jemen fließt. Mehr als fünfzig Tote, ein Ölhafen in Schutt und Asche, und die Welt? Die Welt gähnt, streckt sich, greift nach ihrem nächsten Espresso, als wäre dies nur ein weiterer schlechter Traum, der sich von selbst auflösen wird. Doch Träume, die von Drohnen und Raketen geträumt werden, sind keine Träume mehr. Sie sind Alpträume mit echten Zähnen, die ins Fleisch beißen. Und irgendwo, zwischen den Ruinen von Taiz und den Korallenriffen der Roten See, lacht jemand. Nicht aus Freude. Aus Triumph. Weil die Welt schaut. Weil die Welt *nicht handelt*.
*Der Whiskey brennt jetzt, heißer als die Sonne über dem Jemen. Jede Schlucke ist ein Fluch, eine Verheißung, eine Warnung – alles zugleich. Die USA haben es wieder getan. Nicht direkt, nicht mit eigenen Bombern, die wie dunkle Vögel über den Himmel kreisen. Nein. Sie haben die Saudi’s angelächelt, ihnen die Finger gezeigt, wo die Knöpfe sind, und dann sind die Saudi’s losgegangen wie Hunde, die endlich ihren Frust an etwas anderem auslassen dürfen. Mehr als fünfzig Tote. Für was? Für ein paar Barrel Öl, die irgendwo in einem Tanker versickern? Für die Eitelkeit einer Dynastie, die schon seit Jahrhunderten auf dem Blut ihrer Vorgänger gebaut hat? Die Huthi’s sind nur die Finger, die den Knopf drücken – aber sie wissen genau, wer wirklich das Pulverfass angezündet hat.*
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Es ist ein Spiel, das seit Jahrzehnten gespielt wird. Saudi-Arabien gegen Iran. Die Saudis, die Ölbarone mit ihren goldenen Handschuhen und ihren Messern aus Stahl, die Iraner, die Ayatollahs mit ihren roten Bändern und ihren Schatten, die über die Wände der Geschichte klettern. Und dazwischen: die Huthi’s. Die Kinder, die niemand haben will. Die Wilden, die niemand zähmen kann. Die Rote See, einst ein Handelsweg, jetzt eine Straße der Angst. Jedes Schiff, das dort vorbeifährt, ist ein Ziel. Jede Fracht, ein Preis. Die USA haben ihre Drohnen, ihre Geheimdienste, ihre Lügen. Israel hat seine Atombomben, seine Störmanöver, seine stummen Drohungen. Und die Welt? Die Welt hält die Luft an. Weil sie weiß, dass der nächste Schritt schon da ist. Weil sie weiß, dass irgendjemand – irgendwann – den letzten Knopf drücken wird.
*Der Whiskey ist jetzt nur noch Eis und Wasser, aber das Feuer in der Brust bleibt. Die Zahlen lügen nicht: Mehr als 50 Tote. Mehr als 10 Jahre Krieg. Mehr als eine Million Vertriebene. Und für was? Für eine Region, die schon seit Jahrtausenden brennt? Die Saudis wollen den Iran schwächen. Die USA wollen ihre Basis bei den Saudis sichern. Israel will seine Atombomben sicher haben. Die Huthi’s wollen Rache. Und die Welt? Die Welt will nur noch eines: dass es nicht sie trifft. Dass das Öl fließt. Dass die Börsen steigen. Dass die Nachrichten nicht mehr so bluten.*
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Es gibt einen Moment, in dem die Welt merkt, dass sie am Abgrund steht. In dem sie spürt, dass sie nicht mehr zurückkann. In dem die Diplomaten lächeln, die Generäle nicken, und die Journalisten schreiben weiter ihre leeren Worte. Die Huthi’s haben wieder angegriffen. Die USA haben wieder zugeschlagen. Saudi-Arabien hat wieder gelogen. Und die Rote See? Die Rote See ist jetzt ein Schlachtfeld. Ein Ort, an dem die Geschichte nicht mehr gelesen, sondern nur noch erlebt wird. Die Schiffe fahren weiter. Die Fracht wird umgeschlagen. Die Männer in den schwarzen Anzügen gehen weiter ihre Runden. Und irgendwo, zwischen den Wellen und den Wunden, lacht jemand. Nicht aus Freude. Weil Lachen in diesem Spiel die letzte Ehrlichkeit ist.
*Der Whiskey ist jetzt nur noch ein Schatten. Die Uhr tickt. Die Welt tickt. Die Welt tickt immer. Und wir? Wir sitzen hier. In dieser Redaktion. Mit den Augen derer, die nicht mehr schlafen können. Mit den Ohren derer, die das Knirschen der Knochen hören, die nicht mehr heilen. Die Wahrheit brennt. Sie brennt langsam. Sie brennt sicher. Und sie brennt uns alle an.*
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— Kim Benet, *Silk & Shadows*