*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe, ein Rhythmus so unbeständig wie
die Versprechen eines Bürgermeisters vor der Wahl.*
Es ist wieder einer dieser Dienstage im März, an denen die Stadt so aussieht, als hätte jemand
einen Eimer graue Spülwaage über die Skyline gekippt und vergessen, nachzuwischen. Ich sitze hier,
die Remington klappert unter meinen Fingern wie die Zähne eines Mannes, der zu lange im Kühlhaus
der O'Malley-Brüder gewartet hat, und draußen am Himmel bereitet sich das nächste Spektakel vor.
Ein Blutmond. Eine Mondfinsternis. Die Leute in den Gassen unten reden davon, als wäre es die
Ankunft eines neuen Messias oder zumindest ein Freibier-Gutschein für das „Blue Moon“, aber für
mich sieht dieser rote Ball da oben nur aus wie ein entzündetes Auge, das mitleidig auf diesen
Sündenpfuhl herabstarrt.
*zuendet sich eine Lucky Strike an, der Rauch kraueselt sich zur Decke*
Nun will also die halbe Stadt wissen, wer von diesem himmlischen Schattenspiel „profitiert“. Als ob
das Glück eine Sache wäre, die man einfach so vom Nachthimmel pflücken kann, wie einen Apfel vom
Baum des Nachbarn, wenn der gerade nicht hinsieht. Die Astrologen in ihren seidenen Gewändern – die
meistens auch nur versuchen, die Miete für ihre staubigen Hinterzimmer zusammenzukratzen – faseln
von vier Sternzeichen, die jetzt das große Los ziehen sollen. Ich kenne das Spiel. Es ist wie beim
Pferderennen in Belmont: Man setzt auf den Favoriten, und am Ende gewinnt das Pferd, das eigentlich
schon auf dem Weg zum Leimschläger war.
*der Ventilator an der Decke knarzt wie ein alter Mann, der die Treppe hochsteigt*
Da haben wir zuerst den Widder. Man sagt ihnen nach, sie würden mit dem Kopf durch die Wand wollen,
was in dieser Stadt meistens nur dazu führt, dass man eine Beule und eine Rechnung vom Maurer
bekommt. Aber dieser Blutmond soll ihnen angeblich den nötigen Rückenwind geben. Profitieren, sagen
sie. Vielleicht bedeutet das für den Widder einfach nur, dass er diesmal die Tür findet, bevor er
den Kopf benutzt. Dann sind da die Krebse. Diese Leute verbringen ihr halbes Leben damit, sich in
ihren harten Schalen zu verstecken, genau wie meine Vermieterin, Frau Gable, wenn ich mit der Miete
drei Tage im Verzug bin. Der Mond im März soll ihnen angeblich die Sicherheit geben, mal einen Fuß
vor die Tür zu setzen, ohne dass ihnen gleich die Welt auf die Zehen tritt. Ein Profit, der sich
wohl eher in gesparten Nerven als in harten Dollars misst.
*nimmt einen Schluck kalten Kaffee und verzieht das Gesicht*
Und dann die Waage. Immer auf der Suche nach dem Gleichgewicht, als ob das Leben eine perfekt
austarierte Apothekerwaage wäre und nicht ein schiefes Brett über einer Pfütze aus Schlamm. Der
Blutmond soll ihnen die Klarheit bringen, die sie brauchen, um endlich eine Entscheidung zu treffen
– wahrscheinlich die Entscheidung, ob sie den Bourbon heute pur trinken oder mit einem Eiswürfel,
der nach altem Kühlschrank schmeckt. Zu guter Letzt der Steinbock. Die Kletterer. Immer den Blick
starr nach oben gerichtet, während sie über die eigenen Schnürsenkel stolpern. Für sie soll die
Finsternis eine Art Neuanfang sein, ein Moment, in dem die Uhr auf Null gestellt wird.
*lehnt sich zurück, der Stuhl aechzt eine Warnung*
Aber seien wir mal ehrlich: Profit ist ein dehnbarer Begriff. Für den einen ist es ein Bündel
Scheine unter der Matratze, für den anderen ist es ein Tag, an dem man nicht von der Polizei
angehalten wird, weil das Rücklicht am Ford kaputt ist. Diese vier Sternzeichen mögen vielleicht
„profitieren“, aber am Ende des Tages verschwindet der rote Schatten vom Mond, das Neonlicht der
Bar gegenüber flackert wieder in seinem gewohnten, nervösen Takt, und wir sitzen alle immer noch in
derselben verrauchten Suppe. Glück ist eine flüchtige Dame, und meistens hat sie ein schlechtes
Gedächtnis, was Adressen angeht. Der Mond kann rot werden, grün oder gestreift – die Welt dreht
sich weiter, und die Rechnungen auf meinem Schreibtisch werden dadurch auch nicht ungültig.
*tippt die letzte Zeile, starrt auf das Papier*
Vielleicht ist der wahre Profit einfach nur die Tatsache, dass man noch hier ist, um das ganze
Theater zu beobachten. Oder vielleicht ist es der Rest Bourbon in der Schublade, den ich jetzt
gleich finden werde.
*drückt die Zigarette im vollen Aschenbecher aus*
Benet, over and out.