*Der Regen trommelt gegen das Fenster, ein rhythmisches, unerbittliches Klopfen, das mich an die
Zeit erinnert, als ich noch glaubte, die Wahrheit würde irgendjemanden retten oder zumindest die
Miete pünktlich bezahlen. Der Ventilator an der Decke zieht träge seine Kreise, als hätte er die
Hoffnung auf frische Luft längst aufgegeben, und mein Kaffee schmeckt, als hätte man ihn in einer
alten Blechdose über einem brennenden Autoreifen aufgebrüht.*
*zuendet eine Zigarette an, der Rauch kraeuselt sich wie die Versprechen eines Politikers vor der
Wahl*
Also will jemand meine Meinung zu diesem Schlamassel in der Wüste hören. Nun, Meinungen sind wie
leere Patronenhülsen in dieser Stadt – sie liegen überall herum, machen ordentlich Krach, wenn man
drauf tritt, aber eigentlich taugen sie zu nichts mehr. Jetzt hat es also Ras Tanura erwischt. Ein
Name, der klingt wie eine exotische Tänzerin in einem Etablissement, in dem man besser nicht nach
dem Alter der Mädchen fragt, aber in Wahrheit ist es die Halsschlagader der Welt, die dort durch
den saudischen Sand pulsiert. Ein iranischer Drohnenangriff, heißt es. Diese kleinen, surrenden
Spielzeuge des Teufels sind über die Aramco-Anlagen hergefallen wie Heuschrecken über eine fette
Ernte, und jetzt steht die größte Raffinerie der Welt still, als hätte jemand den Stecker aus der
Zivilisation gezogen.
*starrt aus dem Fenster auf die verschwommenen Neonlichter der Stadt*
Meine Vermieterin, die gute Mrs. Gable, hat mir heute Morgen schon wieder die Faust
entgegengestreckt, weil die Heizkosten steigen werden. „Benet“, hat sie gekrächzt, und ihr Atem
roch nach billigem Gin und verbitterten Träumen, „wenn das Öl teurer wird, brennen Ihre Manuskripte
bald im Ofen, damit wir nicht erfrieren.“ Ich wollte ihr sagen, dass meine Texte sowieso meistens
nur zum Einwickeln von Fisch taugen, aber ich hab’s gelassen. Es ist immer das Gleiche: Irgendwo in
der Wüste drückt ein namenloser General auf einen Knopf, Drohnen steigen auf wie mechanische
Albträume, und am Ende ist es die kleine Frau im Mietshaus in der 42. Straße, die den Mantel enger
ziehen muss.
Das Öl ist das schwarze Blut der Erde, Herrgott nochmal, und wir sind die Parasiten, die sich daran
sattfressen, bis die Adern platzen. Wenn Ras Tanura dichtmacht, dann bleibt die Welt stehen. Die
Autos in den Straßen werden zu teuren Briefbeschwerern, und die Flugzeuge am Himmel wirken
plötzlich wie bleierne Vögel, die vergessen haben, wie man flattert. Der Iran schickt seine Grüße
per Luftpost, Saudi-Arabien zählt die Trümmer, und die Herren in den klimatisierten Büros in New
York und London reiben sich die Hände, während sie die Preise nach oben schrauben, schneller als
ein Taschendieb in der U-Bahn verschwindet. Es ist ein schmutziges Geschäft, dieses Spiel mit dem
Feuer und dem schwarzen Schlamm, und der Gestank von brennendem Öl ist nur eine Nuance süßlicher
als der von verrottender Moral.
*lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt eine Warnung*
Man sagt uns, es ginge um Strategie, um Sicherheit, um das Gleichgewicht der Kräfte. Ich sage, es
geht darum, wer den längsten Arm hat, um den anderen in die Tasche zu greifen. Diese Drohnen sind
nur die moderne Version der alten Kanonenboote, nur dass man heute nicht mal mehr den Anstand
besitzt, dem Feind beim Abdrücken in die Augen zu schauen. Man sitzt in einem dunklen Raum, trinkt
vielleicht einen Tee und schaltet mal eben die Energieversorgung eines halben Kontinents aus.
Fortschritt nennt man das. Ich nenne es Feigheit mit Fernbedienung.
*nimmt einen tiefen Schluck Bourbon aus dem Zahnputzglas*
Am Ende sitzen wir alle hier im Dunkeln und warten darauf, dass das Licht wieder angeht, während
die großen Jungs im Sandkasten mit ihren neuen Spielzeugen werfen. Die Raffinerie ist zu, die
Leitungen sind leer, und der einzige, der heute Nacht noch brennt, ist wahrscheinlich der Bourbon
in meiner Kehle. Aber was weiß ich schon? Ich bin nur eine Frau mit einer Schreibmaschine und einer
leeren Schachtel Lucky Strikes, die zuschaut, wie die Welt versucht, sich mit ihrem eigenen Blut zu
löschen.
*tippt die letzte Zeile, starrt auf das Papier*
Benet, over and out.