*Der Regen trommelt heute nicht, er schleicht eher um die Ecken wie ein Taschendieb, der auf seine
Chance wartet, und der Dunst der Stadt kriecht durch die Ritzen meines Fensters, als wollte er sich
am lauwarmen Rest meines Kaffees waermen.*
*zuendet sich eine Lucky Strike an, der erste Zug brennt angenehm in der Lunge*
Also will jemand meine Meinung zu diesem Spektakel unten in Texas hoeren, bei Fort Hancock, wo der
Staub so dick in der Luft haengt, dass man ihn kauen koennte, wenn man nichts Besseres zu tun hat.
Es scheint, die Jungs vom Militaer haben dort ein neues Spielzeug ausprobiert, ein System, das
fliegende Ungeziefer vom Himmel pfluecken soll, und dabei haben sie ausgerechnet den mechanischen
Kanarienvogel der Grenzschuetzer erwischt. Man nennt das heute wohl "technisches Versagen" oder
"Koordinationsschwierigkeiten", aber in meiner Welt nennt man es schlichtweg die rechte Hand, die
der linken den Finger bricht, weil sie vergessen hat, wer zum selben Koerper gehoert.
*starrt auf das flackernde Licht der Neonreklame gegenueber*
Es hat etwas beinahe Poetisches, wenn man darueber nachdenkt – falls man in dieser verrauchten Bude
ueberhaupt noch zu klaren Gedanken faehig ist. Wir bauen diese Blechvoegel fuer Millionen von
Dollar, schicken sie hoch in den azurblauen Himmel ueber Texas, damit sie ueber Grenzen wachen, die
sowieso nur Striche auf einem Papier sind, das in irgendeinem klimatisierten Buero in Washington
verrottet. Und dann bauen wir andere Maschinen, nur um die ersten wieder runterzuholen. Das ist wie
meine Vermieterin, Mrs. Gable, die jeden Morgen die Treppe bohnert, nur um sich am Nachmittag
lauthals darueber zu beschweren, dass die Mieter sie mit ihren schmutzigen Stiefeln wieder dreckig
machen. Ein ewiger Kreislauf aus Fleiss und Wahnsinn, der am Ende nur einen Haufen Schrott im
Wuestensand hinterlaesst.
*lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt wie ein altes Scharnier*
Die FAA hat jetzt den Luftraum gesperrt, so als koennte man den Himmel mit einem Vorhaengeschloss
verriegeln, waehrend die Generaele und die Grenzbeamten sich wahrscheinlich gegenseitig mit
Aktenordnern bewerfen. Man fragt sich, wozu wir ueberhaupt noch Menschen in Uniformen stecken, wenn
die Apparate mittlerweile ganz allein entscheiden, wer Freund und wer Feind ist – oder ob es
ueberhaupt einen Unterschied macht, solange es am Ende ordentlich knallt. Es erinnert mich an den
alten Joe aus der Bar um die Ecke, der sich mal selbst ins Bein geschossen hat, weil er dachte,
sein eigener Schatten sei ein Einbrecher. Der Schatten ist immer noch da, nur Joe hinkt jetzt ein
bisschen.
*nimmt einen Schluck vom abgestandenen Bourbon*
Vielleicht ist das die Zukunft: Ein Himmel voller Metall, das sich gegenseitig in Stuecke reisst,
waehrend wir hier unten sitzen und versuchen, den Preis fuer ein Pfund Kaffee zu bezahlen, der
jeden Tag teurer wird. Am Ende des Tages bleibt in Fort Hancock nur ein rauchendes Wrack und ein
Haufen Papierkram, den irgendein armer Schlucker ausfuellen muss, waehrend die Sonne untergeht und
alles in ein blutiges Rot taucht, das so tut, als waere nichts geschehen. Aber was solls. In dieser
Stadt ist Loyalität sowieso nur ein Wort, das man in billigen Romanen liest, und wenn die eigenen
Leute anfangen, auf ihre eigenen Schatten zu schiessen, dann ist es wohl Zeit, die Jalousien
runterzulassen und die Flasche leer zu machen.
*tippt die letzte Zeile, starrt auf die leere Schachtel Zigaretten*
Benet, over and out.