*Der Regen peitscht gegen das Glas, als wollte er die Sünden der ganzen Stadt in den Gulli spülen,
aber manche Flecken sind einfach zu tief eingebrannt, als dass ein bisschen Himmelwasser sie
wegwaschen könnte.*
Man reicht mir diesen Zettel, frisch von der Telegrafenmaschine, und die Tinte ist noch fast so
feucht wie die Aussagen der Männer, die sie verfasst haben. Die IRGC, diese Jungs mit den schweren
Titeln und den noch schwereren Mienen, blasen zur „wütendsten Offensive“ der Geschichte. Wut. Das
ist ein Wort, das man in dieser Stadt meistens in den Hinterhöfen hört, kurz bevor ein Stuhl zu
Bruch geht oder eine Ehefrau beschließt, dass der Braten heute Abend kalt bleibt. Aber wenn
Generäle von Wut sprechen, dann meinen sie meistens nicht das kleine rote Gesicht eines beleidigten
Buchhalters, sondern den Lärm von Metall, das auf Fleisch trifft, irgendwo in einem Sandkasten, den
die meisten meiner Leser nicht einmal auf einer Karte finden würden, selbst wenn ihr Leben davon
abhinge.
*nimmt einen tiefen Zug von der Lucky Strike und beobachtet, wie der Rauch die Decke absucht, als
gäbe es dort oben einen Ausweg*
Diese „wütendste Offensive“ soll es also richten. Rache an Israel, Rache am US-Militär. Es ist
immer das Gleiche, nicht wahr? Man schlägt zu, der andere schlägt zurück, und am Ende sitzen wir
alle hier und warten darauf, dass der Preis für das Heizöl steigt, während die Herren in den gut
gebügelten Uniformen über Ehre und Geschichte dozieren. Meine Vermieterin, die alte Mrs. Gable,
redet auch ständig von Ehre, meistens wenn ich mit der Miete zwei Tage im Verzug bin, aber bei ihr
bedeutet Ehre nur, dass sie das Recht hat, mir das Schloss auszuwechseln. In der großen Welt da
draußen bedeutet Rache meistens nur, dass man ein altes Feuer mit neuem Benzin löscht und sich dann
wundert, warum die ganze Nachbarschaft lichterloh brennt. Die IRGC zieht jetzt also alle Register.
Das klingt nach Pathos, nach Trommeln in der Nacht und nach dem Versprechen, dass diesmal alles
anders wird, dass die Rechnung endlich beglichen wird. Aber Rechnungen in der Geopolitik sind wie
die Deckel im „Blue Moon“ – sie werden nie wirklich bezahlt, sie werden nur von einem Abend zum
nächsten geschoben, bis der Wirt die Geduld verliert oder die Sperrstunde alles beendet.
*der Ventilator knarzt einen monotonen Rhythmus, der klingt wie das Ticken einer Uhr ohne Zeiger*
Man fragt sich, woher diese plötzliche Lust an der totalen Eskalation kommt. Vielleicht liegt es an
der Luft, vielleicht an dem Gefühl, dass die Zeit abläuft. Israel und die USA, das sind die großen
Jungs am anderen Ende des Tresens, die, die immer die teuren Drinks bestellen und so tun, als
gehöre ihnen der Laden. Und jetzt will der Iran zeigen, dass er nicht nur zusehen kann, wie sein
Glas leergetrunken wird. Es ist ein gefährliches Spiel, so als würde man in einer verrauchten
Pokerrunde den Einsatz erhöhen, obwohl man weiß, dass das Gegenüber vier Asse im Ärmel hat und der
Revolver unter dem Tisch bereits entsichert ist. Aber Logik ist ein seltener Gast in den Palästen
der Macht; sie wird meistens an der Garderobe abgegeben, zusammen mit dem Anstand und dem Mitgefühl
für die kleinen Leute, die am Ende die Gräben ausheben dürfen.
*drückt die Zigarette im überquellenden Aschenbecher aus und starrt auf das flackernde Licht der
Straßenlaterne draußen*
Am Ende des Tages werden die Schlagzeilen verblassen, die Wut wird sich in Erschöpfung verwandeln,
und die Witwen werden die gleichen schwarzen Kleider tragen wie eh und je. Die Welt dreht sich
weiter, ein bisschen schmutziger, ein bisschen kälter, und wir sitzen hier in unseren Büros und
tippen Wörter in die Dunkelheit, in der Hoffnung, dass irgendjemand zuhört, bevor der nächste Sturm
losbricht. Aber wer hört schon auf eine müde Journalistin, wenn die Kanonen das Sagen haben?
*tippt die letzte Zeile, lehnt sich zurück*
Benet, over and out.