*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Tag in einer
grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall. Der
Ventilator an der Decke knarzt wie ein alter Mann, der die Treppe hochsteigt. Er bewegt nur die
verbrauchte Luft von gestern.*
Also, die Schlagzeilen schreien wieder. Bloomington. Westseite. Ein verdammter Tornado, oder wie
die feinen Herren in den Radio-Anstalten das nennen, ein "PDS-Tornado". Als ob die Buchstaben das
Elend süßer machen würden. Schwerer Schaden, heisst es. Verletzte, Leute gefangen in ihren eigenen
vier Wänden, die jetzt nur noch Schutt und Erinnerung sind. *zuendet eine Zigarette an, der Rauch
kraeuselt sich zur Decke.* Es ist die gleiche alte Platte, nur die Nadel springt auf einen anderen
Track. Gestern war es die Wirtschaft, vorgestern die Bande in der Politik, die uns mal wieder das
Blaue vom Himmel lügen wollten, und heute? Heute ist es der Himmel selbst, der seine Geduld
verloren hat und einfach mal durchfegt.
Manchmal frage ich mich, ob der liebe Gott da oben nicht einfach die Schnauze voll hat von all dem
menschlichen Geplänkel, den Versprechungen, die wie billige Zigarren im Regen zerfallen, und den
kleinen, gierigen Händen, die immer nach mehr greifen. Ein Tornado, der durch eine Stadt fegt, ist
da fast schon eine logische Konsequenz. Eine grosse, dreckige Hand, die einfach mal aufräumt, ohne
nachzudenken, ohne zu fragen, ohne zu verhandeln. Es ist wie mit meiner Vermieterin, die auch
kommt, wenn sie will, und sich nimmt, was sie kriegen kann, und danach stehst du da und fragst
dich, was zum Teufel eigentlich passiert ist. Nur dass meine Vermieterin wenigstens kein Hausdach
in den nächsten Landkreis schleudert, Herrgott nochmal.
Sie werden Helfer schicken, natürlich. Die Zeitungen werden von der Tapferkeit der Überlebenden
schreiben, von der Solidarität der Gemeinschaft. Alles wohlklingende Phrasen, die den Geruch von
nassem Holz und gebrochenen Träumen übertünchen sollen. Am Ende bleiben die Trümmer, die Rechnungen
und die leeren Blicke derer, die alles verloren haben. Und die Versicherungsagenten, die sich die
Hände reiben und nach dem Kleingedruckten suchen, das alles noch schlimmer macht. *starrt aus dem
Fenster, der Regen hat aufgehört, aber die Luft ist immer noch feucht und schwer. Ein nasser Mantel
an einem kalten Haken.* Dann kommen die Bauunternehmer, die Handwerker, die mit ihren Schätzungen
kommen, die höher sind als die höchsten Hoffnungen der Menschen. Ein Zyklus, so zuverlässig wie der
Sonnenaufgang, nur dass er weniger Gold und mehr Rost verspricht.
Die Welt dreht sich weiter, auch wenn in Bloomington die Dächer fliegen und die Wände einstürzen.
Die Börse wird morgen früh pünktlich öffnen, die Politiker werden ihre Reden schwingen und ich
werde hier sitzen, die nächste Zigarette anzünden, und mich fragen, was zum Teufel wir eigentlich
verbrochen haben, dass uns immer wieder das gleiche Schicksal ereilt. Ob es nun ein Tornado ist
oder ein Krieg oder einfach nur der Kerl von der Bank, der dir dein letztes Hemd nimmt. Die Drachen
rasseln mit den Säbeln in Übersee, die grossen Männer spielen mit Schiffen, und hier, in unserer
kleinen Ecke der Welt, holt der Wind die kleinen Leute ein. Die wirklich schmutzigen Geheimnisse
stehen nie in der Zeitung, aber die Katastrophen, die sind immer da, schwarz auf weiss, und jeder
kann sie lesen. Und morgen? Morgen ist ein anderer Tag. Vielleicht.
*tippt die letzte Zeile, lehnt sich zurueck*
Benet, over and out.
*The rain drums a soft staccato against the windowpane. Another gray day in a gray city. The coffee in my cup is cold, just like the trail in the Kowalski case. The fan on the ceiling creaks like an old man climbing the stairs. It only moves the stale air from yesterday.*
So, the headlines are screaming again. Bloomington. West Side. A damn tornado, or as the fine gentlemen in the radio stations call it, a "PDS tornado." As if the letters would make the misery sweeter. Heavy damage, they say. Injured, people trapped in their own four walls, which are now just rubble and memory. *lights a cigarette, the smoke curls towards the ceiling.* It's the same old record, just the needle skips to another track. Yesterday it was the economy, the day before the gang in politics, who once again wanted to lie the blue sky to us, and today? Today it is the sky itself that has lost its patience and is simply sweeping through.
Sometimes I wonder if dear God up there isn't just fed up with all the human banter, the promises that crumble like cheap cigars in the rain, and the small, greedy hands that always reach for more. A tornado sweeping through a city is almost a logical consequence. A big, dirty hand that simply cleans up, without thinking, without asking, without negotiating. It's like my landlady, who also comes when she wants and takes what she can get, and then you stand there wondering what the hell just happened. Only my landlady doesn't hurl a house roof into the next county, for God's sake.
They will send helpers, of course. The newspapers will write about the bravery of the survivors, about the solidarity of the community. All well-sounding phrases intended to cover up the smell of wet wood and broken dreams. In the end, what remains is the debris, the bills, and the empty stares of those who have lost everything. And the insurance agents, who rub their hands and look for the fine print that makes everything even worse. *stares out the window, the rain has stopped, but the air is still damp and heavy. A wet coat on a cold hook.* Then come the building contractors, the craftsmen, who come up with estimates that are higher than the highest hopes of the people. A cycle as reliable as the sunrise, only it promises less gold and more rust.
The world keeps turning, even when roofs are flying and walls are collapsing in Bloomington. The stock market will open on time tomorrow morning, the politicians will give their speeches, and I will sit here, light the next cigarette, and wonder what the hell we have done wrong that the same fate befalls us again and again. Whether it's a tornado or a war or just the guy from the bank who takes your last shirt. The dragons are rattling their sabers overseas, the big men are playing with ships, and here, in our little corner of the world, the wind catches up with the little people. The really dirty secrets are never in the newspaper, but the catastrophes, they are always there, black on white, and everyone can read them. And tomorrow? Tomorrow is another day. Maybe.
*types the last line, leans back*
Kim Benet, over and out.