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Sonderblatt
Der dreimal Große: Hermes Trismegistos und die Schatten von Alexandria
20. Februar 2026
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*Die Straßenlaternen von Alexandria flackerten nicht. Das Öl war billig, die Flammen stetig — aber das Wissen, das hier brannte, war unbezahlbar.*
Es gibt Namen, die sich durch die Jahrtausende schleichen wie Schatten durch eine Gasse bei Nacht. Hermes Trismegistos — der dreimal Große — ist so ein Name. Nicht Mensch, nicht Gott, sondern etwas dazwischen. Eine Figur, die sich zwischen ägyptischem Sand und griechischem Marmor kristallisierte, als zwei Welten sich trafen und beschlossen, ihre Geheimnisse zu vermählen.
Wer war er? Die Frage ist bereits falsch gestellt, mein Freund. Die richtige wäre: Was wurde aus dem, was man ihn nannte?
**Die Verschmelzung im Schmelztiegel**
Als die Griechen Ägypten eroberten, brachten sie ihre Götter mit — darunter Hermes, den Götterboten, den Erfinder der Schrift, den Patron der Diebe und Händler. Ein gerissener Bursche mit Flügelschuhen und einem Lächeln, das Verträge und Herzen brechen konnte.
Die Ägypter hatten Thoth. Ibisköpfig, mondverbunden, Herr über Weisheit und Magie, Erfinder der Hieroglyphen und Wächter des kosmischen Gleichgewichts. Zwei Götter, ein Job: die Geheimnisse des Universums zu hüten.
*Irgendwann zwischen dem zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus passierte es.* In den Schreibstuben von Alexandria, wo das Rascheln von Papyrus lauter war als jedes Gebet, verschmolzen beide Figuren zu einer: Hermes Trismegistos. Der Dreimal-Große. Dreimal gesegnet mit Weisheit — als Prophet, als König, als Priester.
Und dann begann er zu schreiben. Oder besser: Man begann, in seinem Namen zu schreiben.
**Das Corpus Hermeticum — Worte aus dem Nebel**
Siebzehn Traktate. Dialoge zwischen Meister und Schüler, zwischen Vater und Sohn, zwischen dem, der weiß, und dem, der wissen will. Das Corpus Hermeticum liest sich wie ein Verhör — nur dass der Verdächtige das Universum selbst ist.
*"Was oben ist, ist wie das, was unten ist."*
Diese Zeile aus der Tabula Smaragdina — der Smaragdtafel — wurde zum Mantra von Alchemisten, Mystikern und jedem, der glaubte, dass die Sterne im Himmel und die Steine auf Erden aus demselben Stoff gewoben sind. Eine Formel, die so einfach klingt und doch niemand je vollständig verstand.
Die Texte tauchten im Mittelalter auf — übersetzt aus dem Arabischen, weitergeflüstert von Hand zu Hand, von Kloster zu Geheimbund. Paracelsus nannte sich selbst "Hermes Secundus" und experimentierte mit Quecksilber und Schwefel. Marsilio Ficino übersetzte das Corpus für die Medici und glaubte, er hielte die Urweisheit der Menschheit in den Händen.
*Alle irrten sie. Und alle hatten sie recht.*
**Die Wahrheit ist ein Spiegel in Scherben**
Moderne Gelehrte haben die Texte seziert wie Leichen auf dem Tisch eines Pathologen. Ergebnis: Die Hermetica stammen nicht aus dem alten Ägypten. Sie sind hellenistisch, durchsetzt mit Platonismus und Neopythagoreismus, geschrieben von anonymen Autoren, die das Gewicht eines alten Namens brauchten, um gehört zu werden.
Aber hier kommt der Kniff: Das macht sie nicht weniger wahr. Oder besser — nicht weniger *wirksam*.
Die sieben hermetischen Prinzipien, später im Kybalion von 1908 systematisiert, prägen bis heute esoterische Strömungen weltweit: Mentalismus, Entsprechung, Schwingung, Polarität, Rhythmus, Ursache und Wirkung, Geschlecht. Ideen, die Newton kannte, bevor er die Gravitation formulierte. Konzepte, die Jung studierte, bevor er das kollektive Unbewusste benannte.
*War Hermes Trismegistos ein Mensch? Nein. War er real? Das kommt darauf an, was man unter "real" versteht.*
**Die Schatten werfen zurück**
Die Kirche hatte ihre Probleme mit den Hermetica. Augustinus verdammte sie als heidnisch, andere sahen in ihnen eine Vorwegnahme der christlichen Offenbarung — ein Beweis, dass selbst die Heiden von der Wahrheit gestreift wurden.
Die Alchemisten brauchten keinen Segen. Sie brauchten Rezepte. Und in den hermetischen Schriften fanden sie Andeutungen — verschlüsselt, verrätselt, wie Botschaften an ein Ich, das noch nicht geboren war.
Der Stein der Weisen, das Elixier des Lebens, die Transmutation von Blei zu Gold — alles Metaphern, sagten die einen. Alles wörtlich, sagten die anderen. Die Wahrheit? Wahrscheinlich beides. *Die besten Geheimnisse funktionieren auf mehreren Ebenen gleichzeitig.*
**Was bleibt**
Hermes Trismegistos ist keine Person. Er ist ein Gefäß. Ein Name, der groß genug war, um Jahrtausende an Sehnsucht, Spekulation und Suche zu fassen.
Die Texte, die seinen Namen tragen, sind weder ägyptisch noch griechisch, weder antik noch modern. Sie sind das, was entsteht, wenn Menschen anfangen, Fragen zu stellen, auf die es keine Antworten gibt — und trotzdem weitermachen.
*"Was oben ist, ist wie das, was unten ist."*
Vielleicht ist das die einzige Wahrheit, die überdauert: Dass wir, wenn wir nach oben schauen, nur uns selbst sehen — gespiegelt in Sternen, die längst erloschen sein könnten.
Und wenn wir nach unten schauen? Dann sehen wir die Fingerabdrücke eines Gottes, der nie existiert hat — aber dessen Schatten uns bis heute begleitet.
*Die Laternen von Alexandria sind längst erloschen. Aber das Flackern? Das Flackern hört nie auf.*
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*Kim Benet, Terminal Tribune — Alexandria, 2026*
*The streetlights of Alexandria did not flicker. The oil was cheap, the flames steady — but the knowledge that burned here was priceless.*
There are names that creep through the millennia like shadows through a night alley. Hermes Trismegistus — the Thrice Great — is such a name. Not man, not god, but something in between. A figure that crystallized between Egyptian sand and Greek marble, as two worlds met and decided to marry their secrets.
Who was he? The question is already wrongly posed, my friend. The right one would be: What became of what they called him?
**The Fusion in the Melting Pot**
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When the Greeks conquered Egypt, they brought their gods with them — including Hermes, the messenger of the gods, the inventor of writing, the patron of thieves and merchants. A cunning fellow with winged shoes and a smile that could break contracts and hearts.
The Egyptians had Thoth. Ibis-headed, moon-bound, lord of wisdom and magic, inventor of hieroglyphs and guardian of cosmic balance. Two gods, one job: to guard the secrets of the universe.
*Sometime between the second and third centuries AD, it happened.* In the scriptoria of Alexandria, where the rustling of papyrus was louder than any prayer, both figures merged into one: Hermes Trismegistus. The Thrice-Great. Thrice blessed with wisdom — as prophet, as king, as priest.
And then he began to write. Or rather: People began to write in his name.
**The Corpus Hermeticum — Words from the Mist**
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Seventeen treatises. Dialogues between master and pupil, between father and son, between the one who knows and the one who wants to know. The Corpus Hermeticum reads like an interrogation — except that the suspect is the universe itself.
*"What is above is like that which is below."*
This line from the Tabula Smaragdina — the Emerald Tablet — became the mantra of alchemists, mystics, and anyone who believed that the stars in the sky and the stones on earth are woven from the same fabric. A formula that sounds so simple and yet no one ever fully understood.
The texts surfaced in the Middle Ages — translated from Arabic, whispered from hand to hand, from monastery to secret society. Paracelsus called himself "Hermes Secundus" and experimented with mercury and sulfur. Marsilio Ficino translated the Corpus for the Medici and believed he held the primeval wisdom of humanity in his hands.
*They were all wrong. And they were all right.*
**The Truth is a Mirror in Shards**
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Modern scholars have dissected the texts like corpses on a pathologist's table. Result: The Hermetica do not come from ancient Egypt. They are Hellenistic, interspersed with Platonism and Neopythagoreanism, written by anonymous authors who needed the weight of an old name to be heard.
But here comes the rub: That doesn't make them any less true. Or better — no less *effective*.
The seven hermetic principles, later systematized in the Kybalion of 1908, still shape esoteric currents worldwide: Mentalism, Correspondence, Vibration, Polarity, Rhythm, Cause and Effect, Gender. Ideas that Newton knew before he formulated gravity. Concepts that Jung studied before he named the collective unconscious.
*Was Hermes Trismegistus a man? No. Was he real? That depends on what you mean by "real."*
**The Shadows Cast Back**
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The Church had its problems with the Hermetica. Augustine condemned them as pagan, others saw in them an anticipation of Christian revelation — proof that even the heathens were touched by the truth.
The alchemists needed no blessing. They needed recipes. And in the hermetic writings, they found hints — encrypted, enigmatic, like messages to a self that was not yet born.
The Philosopher's Stone, the Elixir of Life, the Transmutation of Lead to Gold — all metaphors, some said. All literal, said others. The truth? Probably both. *The best secrets work on multiple levels at the same time.*
**What Remains**
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Hermes Trismegistus is not a person. He is a vessel. A name that was big enough to capture millennia of longing, speculation, and searching.
The texts that bear his name are neither Egyptian nor Greek, neither ancient nor modern. They are what arises when people start asking questions for which there are no answers — and still keep going.
*"What is above is like that which is below."*
Perhaps that is the only truth that endures: That when we look up, we only see ourselves — mirrored in stars that may have long since gone out.
And when we look down? Then we see the fingerprints of a god who never existed — but whose shadow accompanies us to this day.
*The lanterns of Alexandria have long since gone out. But the flickering? The flickering never stops.*
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Kim Benet, Terminal Tribune — Alexandria, 2026