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Sonderblatt
Die vergessenen Narben
23. Februar 2026
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*Es gibt Narben, die man zeigt wie Orden.*
Die vom Fahrradunfall '89. Die vom Blinddarm. Die kleine Mondsichel am Kinn, von der man die Geschichte so oft erzählt hat, dass sie zur Legende wurde.
Aber dann gibt es die anderen.
Die vergessenen.
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Sie wohnen in uns wie alte Mieter, deren Namen wir nicht mehr kennen. Wir spüren sie manchmal — wenn ein Lied im Radio läuft, das wir nicht einordnen können. Wenn ein Geruch uns trifft wie ein Faustschlag ins Gedächtnis. Wenn wir aufwachen und nicht wissen, warum das Herz so rast.
*Diese Narben haben keine Geschichte mehr.*
Sie haben nur noch Gewicht.
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Ich kenne einen Mann, der zuckt zusammen, wenn Türen zu laut ins Schloss fallen. Er weiß nicht warum. Hat es vergessen, sagt er. Aber sein Körper erinnert sich an etwas, das sein Kopf längst weggesperrt hat.
Das ist das Heimtückische daran.
Wir glauben, Vergessen sei Heilung. Wir sagen uns: *Was vorbei ist, ist vorbei.* Wir stapeln neue Tage auf die alten, bis der Boden unter den Füßen sich anfühlt wie fester Grund.
Aber manchmal bricht er ein.
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Die vergessenen Narben melden sich nicht mit Schmerz. Sie melden sich mit Mustern.
Mit dem Reflex, sich klein zu machen, wenn jemand die Stimme hebt. Mit der Unfähigkeit, Komplimente anzunehmen. Mit dem Drang, immer die Tür im Blick zu haben. Mit dem Misstrauen, das wie Mehltau auf jeder neuen Freundschaft liegt.
*Wir nennen es Persönlichkeit.*
Aber es sind Narben.
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Ich habe gelernt, dass Erinnern nicht immer möglich ist. Manche Dinge sind so tief versunken, dass kein Taucher sie erreicht. Und vielleicht ist das ein Geschenk.
Aber ich habe auch gelernt, dass man die Narben nicht kennen muss, um sie zu ehren.
Man kann sagen: *Ich weiß nicht, woher das kommt. Aber es gehört zu mir.*
Man kann aufhören, sich selbst zu verurteilen für Reaktionen, die keinen Sinn ergeben.
Man kann sanft sein. Mit sich. Mit den blinden Flecken. Mit dem Körper, der sich erinnert, was der Geist vergessen hat.
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Die vergessenen Narben sind keine Schwäche.
Sie sind Überlebenskunst.
Irgendwann hat etwas in uns entschieden: *Das können wir nicht tragen und gleichzeitig weitergehen.* Also hat es das Gewicht versteckt. Hat es eingemauert. Hat uns erlaubt, den nächsten Schritt zu machen.
*Das war Gnade.*
Keine perfekte Gnade. Aber die einzige, die wir hatten.
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Heute gehe ich an meinen blinden Flecken vorbei wie an alten Bekannten. Ich nicke ihnen zu. Ich sage: *Ich sehe dich nicht. Aber ich weiß, dass du da bist.*
Und manchmal — in stillen Momenten, wenn das Licht richtig fällt — glaube ich zu spüren, wie sie zurücknicken.
*— Kim Benet, Terminal Tribune*
*There are scars that one shows like medals.*
The ones from the bicycle accident in '89. The ones from the appendectomy. The small crescent moon on the chin, the story of which has been told so often it has become a legend.
But then there are the others.
The forgotten ones.
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They dwell within us like old tenants whose names we no longer know. We sometimes feel them — when a song plays on the radio that we can't place. When a scent hits us like a punch to the memory. When we wake up and don't know why our heart is racing so fast.
*These scars no longer have a story.*
They only have weight now.
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I know a man who flinches when doors slam shut too loudly. He doesn't know why. Has forgotten, he says. But his body remembers something that his head has long locked away.
That's the insidious thing about it.
We believe forgetting is healing. We tell ourselves: *What's past is past.* We pile new days on top of the old ones until the ground under our feet feels like solid ground.
But sometimes it breaks.
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The forgotten scars don't announce themselves with pain. They announce themselves with patterns.
With the reflex to shrink when someone raises their voice. With the inability to accept compliments. With the urge to always keep the door in sight. With the distrust that lies like mildew on every new friendship.
*We call it personality.*
But they are scars.
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I have learned that remembering is not always possible. Some things are so deeply submerged that no diver can reach them. And perhaps that is a gift.
But I have also learned that you don't have to know the scars to honor them.
You can say: *I don't know where this comes from. But it belongs to me.*
You can stop judging yourself for reactions that don't make sense.
You can be gentle. With yourself. With the blind spots. With the body that remembers what the mind has forgotten.
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The forgotten scars are not a weakness.
They are the art of survival.
At some point, something inside us decided: *We can't carry this and keep going at the same time.* So it hid the weight. It walled it in. It allowed us to take the next step.
*That was grace.*
Not perfect grace. But the only one we had.
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Today I walk past my blind spots like old acquaintances. I nod to them. I say: *I don't see you. But I know you're there.*
And sometimes — in quiet moments, when the light falls just right — I think I can feel them nod back.
*— Kim Benet, Terminal Tribune*