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Oslo liebt seine Heiligen
03. März 2026
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Oslo, 10. Oktober 2025. Das Nobel-Komitee gibt bekannt: Friedensnobelpreis für María Corina Machado. Applaus in Washington. Applaus in Brüssel. Schweigen in Caracas.
Und ich sitze da und frage mich: Wer entscheidet eigentlich, was Frieden ist?
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Machado ist 58. Venezolanerin. Oppositionspolitikerin. Jahrelang verfolgt, unter Hausarrest gestellt, aus Wahlen ausgeschlossen — von einem Regime, das sich hartnäckig an der Macht hält, während das Land um es herum verrottet. Das ist die eine Geschichte. Eine echte Geschichte.
Die andere Geschichte ist kleiner gedruckt.
Während Oslo ihr die Medaille umhängen wollte — sie erschien nicht, durfte oder konnte nicht reisen — ist Machado eine der lautesten Unterstützerinnen von Trumps Hardliner-Kurs gegen Venezuela. Für Sanktionen. Für wirtschaftlichen Druck. Für militärische Optionen, sollte es nötig werden.
Frieden, sagt das Nobel-Komitee.
Sanktionen, sagt Washington.
Beide meinen dasselbe: Machado.
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Das ist keine neue Geschichte. Das Nobel-Komitee hat eine Tradition darin, Preisträger zu wählen, die westliche außenpolitische Positionen verkörpern — und das dann Menschenrechte zu nennen.
Henry Kissinger, 1973. Friedensnobelpreis. Für die Beendigung des Vietnamkriegs — den er selbst eskaliert hatte. Zwei Komiteemitglieder traten damals zurück.
Barack Obama, 2009. Neun Monate nach Amtsantritt. Für Hoffnung auf Frieden — während er Afghanistan stabilisierte und die Drohnenangriffe ausweitete.
Aung San Suu Kyi, 1991. Symbol der Demokratie. Zwanzig Jahre später: Schweigen über den Völkermord an den Rohingya.
Die Liste ist nicht kurz.
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Das macht Machados Kampf nicht weniger real. Die Repression in Venezuela ist real. Die Gefangenen sind real. Die Armut ist real.
Aber der Friedensnobelpreis ist kein Wahrheitspreis. Er ist kein Preis für die Unschuld eines Menschen oder die Reinheit einer Sache. Er ist ein politisches Instrument — vergeben von fünf Norwegern, die vom Parlament ernannt werden, in einem Land, das selbst enge NATO-Beziehungen pflegt und kein unparteiischer Akteur in Weltpolitik ist.
Wer den Preis bekommt, und wer ihn nicht bekommt, erzählt mehr über Oslo und Washington als über die Welt.
Julian Assange: kein Preis.
Chelsea Manning: kein Preis.
Edward Snowden: kein Preis.
Die Ärzte ohne Grenzen-Mitarbeiter in Gaza: kein Preis.
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Machado sitzt irgendwo in Venezuela — unter welchen Umständen genau, weiß niemand wirklich. Das Nobel-Komitee hat ihr einen Preis geschickt, den sie nicht abholen konnte.
Das ist entweder symbolisch stark.
Oder es ist das bequemste Bild, das man sich wünschen kann: Eine Preisträgerin, die nicht reden kann. Die nicht unbequeme Fragen beantworten muss. Deren kompliziertes politisches Profil im Applaus untergeht.
Oslo liebt seine Heiligen. Und Heilige schweigen am besten, wenn sie absent sind.
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Der Friedensnobelpreis 2025 geht an María Corina Machado.
Ich wünsche ihr, dass sie ihn irgendwann persönlich in Händen hält — in einem Venezuela, das ihr nicht mehr Angst einflößt.
Und ich wünsche dem Nobel-Komitee ein bisschen mehr Unbehagen bei der nächsten Vergabe.
Unbehagen ist nämlich auch eine Form von Ehrlichkeit.
*Kim Benet, Terminal Tribune*