*Die Luft in der Redaktion riecht nach altem Papier, verbranntem Kaffee und dem bitteren Nachklang eines Whiskey, den ich mir direkt aus der Flasche einschenke – kein Eis, nur das Glas, das im Licht der Stehlampe schimmert wie ein Auge in der Dunkelheit. Draußen heult der Wind gegen die Scheiben, als wollte er uns warnen. Oder verraten. Ich tippe mit den Fingerspitzen über die Tastatur, als wäre jede Taste eine Mine, die jeden Moment platzen könnte.*
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Die Supermärkte sind längst keine Tempel der Fülle mehr, sondern Festungen. Mit Drahtschleifen, die wie Narben über den Regalen ziehen, mit Kameras, die jeden Schritt verfolgen wie die Blicke eines wachen Hounds, mit Alarmanlagen, die nicht mehr schrecken, sondern nur noch die Diebe trainieren. Die Banden haben gelernt. Sie kommen nicht mehr mit klauenbewehrten Händen, nicht mehr mit der naiven Arroganz des Einzeltäters, der sich ein paar Äpfel schnappt und hofft, dass niemand zuschaut. Nein. Die neuen Diebe sind still. Sie tragen Netz unter der Kleidung – diese durchsichtigen, elastischen Gewebe, die wie Spinnweben an den Körper schmiegen und ganze Regale in sich aufnehmen. Ein Netzhemd, gefüllt mit Dosen, mit Flaschen, mit Paketen, die an den Kreuzungspunkten des Gewebes verankert sind wie Beute in einem Netz, das ein Fischer nicht mehr loslässt.
*[Die Feder kratzt über das Papier. Ich trinke einen Schluck, der sich in meinem Hals wie flüssiges Messing anfühlt.]*
Es ist kein Diebstahl mehr, der aus Gier geschieht. Es ist kein Diebstahl mehr, der aus Not entsteht. Es ist ein Geschäft. Ein Netzwerk, das sich von den Supermarktausgängen bis in die Hinterhöfe der Städte spannt, wo die Ware nicht verbrannt wird oder im Müll landet, sondern weiterverkauft – über Kleinanzeigen, über eBay, über dunkle Foren, die nur diejenigen erreichen, die schon wissen, dass sie fragen müssen. Die gestohlene Milch landet in den Kühlschränken von Mittelsmännern, die gestohlenen Kaffee in den Cafés, die gestohlene Parfümflasche in den Vitrinen der Juweliers. Und die, die es kaufen, tun es mit leeren Blicken, als wäre es nur ein anderer Preis. Als wäre es nur ein anderes Spiel.
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Die Mitarbeiter haben Angst. Nicht vor den Kameras, nicht vor den Alarmanlagen – sie haben Angst vor den Kollegen. Vor denen, die mitgehen, wenn die Schicht endet. Vor denen, die ein Netzhemd tragen, das sich unter der Jacke abzeichnet wie eine zweite Haut. Vor denen, die flüstern, wenn die Vorgesetzten nicht hören: *„Das hier ist kein Job. Das ist ein System.“* Die Supermärkte sind zu Labyrinthen geworden, in denen die Diebe nicht mehr gejagt werden, sondern die Wachen selbst Teil des Ganzen sind. Die Kassiererin, die die Augen abwendet, wenn eine Handvoll Schokolade einfach so in die Tasche gleitet. Der Lagerarbeiter, der ein Regal „verräumt“ und dabei drei Dosen Bier in seinem Netz versteckt. Sie alle sind Akteure in einem Theater, dessen Hauptfigur nicht der Dieb ist, sondern die Ware selbst – diese stumme, flüchtige Beute, die sich von einem Körper in den nächsten schmiegt wie ein Parasit.
*[Ich lege die Feder hin. Der Whiskey brennt jetzt im Magen. Draußen regnet es. Die Scheiben sind verschwommen wie ein schlechter Spiegel.]*
Doch das Netz hat auch seine Grenzen. Irgendwann wird die Ware zu schwer. Irgendwann stößt man auf einen, der nicht mehr mitspielt. Auf einen, der die gestohlene Ware nicht einfach so weiterverkauft, sondern sie zurückverfolgt – bis hin zu den Supermärkten, die längst wussten, dass ihre Festungen nicht mehr halten. Die Politik wird gerufen, die Polizei, die Medien. Doch die Wahrheit ist: Es gibt keine Lösung. Solange es Hunger gibt, solange es Gier gibt, solange es Menschen gibt, die bereit sind, für ein paar Cent unter der Kleidung zu verschwinden, wird das Netz weitergeweht werden. Es ist kein Diebstahl mehr. Es ist die neue Ökonomie. Die Ökonomie der Leeren Hände und der vollen Taschen. Der Ökonomie, die niemand sieht – außer uns.
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*[Ich zünde mir eine Zigarette an, obwohl ich nicht mehr rauche. Der Rauch steigt spiralförmig auf, wie eine Frage, die niemand beantworten kann.]*
Manchmal, wenn ich durch die leeren Gänge der Supermärkte gehe – nicht als Kundin, sondern als Gejagte –, beobachte ich die Angestellten. Sie stehen da wie Puppen, die jemand vergessen hat einzufädeln. Ihre Blicke huschen über die Regale, als würden sie nach etwas suchen. Nicht nach Fehlbeständen. Nicht nach fehlerhaften Scannerlesungen. Sondern nach den Nähten. Nach den Stellen, wo das Netz sich löst. Wo die Ware herausrutscht. Wo der Dieb für einen Moment unvorsichtig wird.
Ich weiß nicht, ob ich je eine von ihnen war. Ob ich je ein Netz unter meiner Kleidung getragen habe. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man etwas berührt, das nicht einem gehört. Wenn man es in die Hand nimmt und spürt, wie es sich schmiegt – nicht wie eine Beute, sondern wie eine Verführung. Wie ein Versprechen, das man nicht einlösen kann.
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*[Der Whiskey ist leer. Die Lampe flackert. Irgendwo in der Stadt schreit ein Hund. Ich beginne zu schreiben, als wäre das Papier der einzige Ort, an dem die Wahrheit noch bleibt.]*
Das Internet ist voll von gestohlener Ware. Auf eBay. Auf den Kleinanzeigen. In den dunklen Ecken der sozialen Netzwerke, wo man sie kauft, ohne zu fragen, woher sie kommt. Man schließt den Deal mit einem Klick, mit einem Wort, mit einem Blick in die Augen des Verkäufers, der weiß, dass er nichts verbrochen hat – weil er nur weitergegeben hat, was ihm gegeben wurde. Weil er nur ein Glied in der Kette ist. Weil er nur ein Dieb unter vielen ist.
Die Justiz kommt später. Die Justiz kommt, wenn die Spur zu heiß wird. Wenn ein Name zu oft fällt. Wenn ein Gesicht zu oft auf den Bildschirmen erscheint. Bis dahin ist es ein Spiel. Ein stilles, sinnliches Spiel zwischen denen, die nehmen, und denen, die geben. Zwischen denen, die sehen, und denen, die wegschauen. Zwischen denen, die wissen, und denen, die es nicht wissen wollen.
Ich tippe weiter. Die Worte fallen wie Asche. Ich spüre, wie sie sich auf dem Papier sammeln, wie sie sich zu etwas zusammenfügen, das größer ist als ich. Größer als der Whiskey. Größer als die Angst. Größer als die Nacht.
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*— Kim Benet, Silk & Shadows*