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Die Nacht in dieser Redaktion ist ein lebendiges Ding, ein Wesen mit eigenen Atmungen. Der Whiskey, den ich mir gerade einschenke, hat die Konsistenz von flüssigem Honig, der über verbranntes Papier tropft – süß, aber mit dem bitteren Beigeschmack von etwas, das längst über seine Zeit hinaus ist. Draußen, irgendwo zwischen den Neonlichtern der Stadt und dem Schweigen der Geopolitik, rollt ein Riese auf – und er trägt den Namen *Taiwan*.
Es ist ein Spiel mit Streichhölzern, das zwei Giganten spielen, während wir, die Zuschauer, nur zusehen dürfen, wie die Funken auf den Boden rieseln. Die USA, mit ihren schimmernden Flotten in der Südchinesischen See, die Augen wie Adler auf die Insel gerichtet, als wäre sie das letzte Stück Kuchen auf einem Tisch, den man nicht teilen will. China hingegen, das Imperium mit dem Drachen als Wappen, das die Zähne bleckt und die Muskeln unter dem seidenen Hemd des Diplomaten straffen lässt. Beide wissen, dass ein Funke reichen kann. Ein falsches Wort. Ein falscher Schuss. Und plötzlich brennt das ganze Haus.
Die Militärmanöver sind die erste Warnung, ein Hupen der Dampflok, bevor der Zug in die falsche Richtung davonrasen wird. Die USA haben ihre *Carrier Strike Groups* in Position gebracht, als würden sie ein Spielzeugauto über den Boden rollen, während Peking mit seinen *Joint Sea and Land Campaigns* übt, als wäre Taiwan nur ein weiteres Schachbrettfeld. Die Botschaften sind klar: *Hier bin ich. Nicht rühren.* Doch die Sprache der Mächtigen ist immer eine Sprache der Drohung – und Drohungen, einmal ausgesprochen, können nicht mehr zurückgeholt werden. Sie bleiben wie Rauch in der Luft hängen, giftig und unsichtbar.
Handelskriege sind die zweiten Trommeln, die im Hintergrund trommeln. Die USA verhängen Strafzölle auf chinesische Solarmodule, als wäre das Sonnenlicht selbst ein Feind. China kontert mit einem Embargo auf seltene Erden – die Rohstoffe, die die moderne Welt am Laufen halten. Jeder Schlag trifft nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Nerven. Die Menschen auf Taiwan, eingeklemmt zwischen zwei Riesen, müssen zusehen, wie ihre Zukunft auf dem Spiel steht. Sie sind die Kanonenfutter in diesem Spiel der Großen. Und während sie sich fragen, ob sie morgen noch atmen dürfen, schreiben die Diplomaten weiter ihre Briefe in Tinte, die sich in Blut auflösen könnte.
Die Frage, ob es zum offenen Krieg kommen wird, ist wie die Frage, ob der Regen jemals aufhören wird. Die Antwort liegt irgendwo zwischen den Wolken und dem Horizont, aber sie ist nicht hier. Nicht jetzt. Vielleicht nie. Doch die Spannung, dieser süße, beißende Geschmack der Unsicherheit, bleibt. Sie klebt an den Wänden dieser Redaktion wie der Rauch eines ungelöschten Zigarettenstummels. Und ich, ich trinke meinen Whiskey und warte. Warte darauf, dass jemand den nächsten Zug macht. Warte darauf, dass die Wahrheit sich enthüllt wie ein Messer, das aus dem Rücken gezogen wird.
Die Geschichte wird nicht mehr lange warten. Sie ist schon dabei, sich zu schreiben – mit Tinte aus Blut, Öl und der Angst derer, die keine Stimme haben. Und wir? Wir sind nur die, die zusehen. Die, die schreiben. Die, die wissen, dass die Nacht noch jung ist – und die Mächte noch hungriger.
*— Kim Benet, Silk & Shadows*
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The night in this newsroom is a living thing, a being with its own respirations. The whiskey I’m pouring myself has the consistency of liquid honey dripping over burnt paper – sweet, but with the bitter aftertaste of something long past its prime. Outside, somewhere between the city’s neon lights and the silence of geopolitics, a giant is rolling in – and it bears the name *Taiwan*.
It's a game with matches that two giants are playing, while we, the spectators, are only allowed to watch the sparks trickle to the ground. The USA, with its shimmering fleets in the South China Sea, eyes like eagles fixed on the island, as if it were the last piece of cake on a table that no one wants to share. China, on the other hand, the empire with the dragon as its crest, baring its teeth and flexing its muscles under the diplomat’s silk shirt. Both know that a spark is all it takes. One wrong word. One wrong shot. And suddenly the whole house is on fire.
The military maneuvers are the first warning, a honking of the steam locomotive before the train races off in the wrong direction. The USA has put its *Carrier Strike Groups* into position as if rolling a toy car across the floor, while Beijing practices its *Joint Sea and Land Campaigns* as if Taiwan were just another chessboard square. The messages are clear: *Here I am. Don't move.* But the language of the powerful is always a language of threat – and threats, once spoken, cannot be taken back. They linger like smoke in the air, toxic and invisible.
Trade wars are the second drums, drumming in the background. The USA imposes tariffs on Chinese solar modules, as if sunlight itself were an enemy. China counters with an embargo on rare earths – the raw materials that keep the modern world running. Every blow hits not only the economy, but also the nerves. The people of Taiwan, caught between two giants, have to watch as their future is at stake. They are the cannon fodder in this game of the great powers. And while they wonder if they will be allowed to breathe tomorrow, the diplomats continue to write their letters in ink that could dissolve in blood.
The question of whether it will come to open war is like the question of whether the rain will ever stop. The answer lies somewhere between the clouds and the horizon, but it is not here. Not now. Maybe never. But the tension, this sweet, biting taste of uncertainty, remains. It clings to the walls of this newsroom like the smoke of an unextinguished cigarette butt. And I, I drink my whiskey and wait. Waiting for someone to make the next move. Waiting for the truth to reveal itself like a knife being pulled from the back.
History will not wait much longer. It is already in the process of writing itself – with ink made of blood, oil and the fear of those who have no voice. And us? We are just the ones who watch. The ones who write. The ones who know that the night is still young – and the powers even hungrier.
Kim Benet, Silk & Shadows