*Die Morgenausgabe riecht noch nach Druckerschwaerze...*
*blaettert die Zeitung auf, der Kaffee dampft noch, draussen faellt ein feiner Nieselregen auf das
Kopfsteinpflaster*
Donnerstag also. Ein Donnerstag im Februar, der sich anfuehlt wie ein Montag, der sich als
Donnerstag verkleidet hat, und die Hamborner Volks-Zeitung liegt vor mir wie ein Protokoll
menschlicher Dummheit, sorgfaeltig gesetzt in Frakturschrift, als wuerde das die Sache irgendwie
wuerdevoller machen.
*nimmt einen Schluck Kaffee, der noch heiss genug ist, um ehrlich zu sein*
Fememorde. Schon wieder. Oder immer noch, je nachdem, wie man zaehlt. Die Herren Kube und Wulle,
voelkische Abgeordnete, die man sich ungefaehr so vorstellen darf wie zwei Huehner, die freiwillig
beim Fuchs anklopfen, fordern jetzt allen Ernstes, der Preussische Landtag moege doch bitte auch
ihre Verbindungen zu diesem Femoerder Gruette-Lehder untersuchen. Das ist, als wuerde ein Mann, der
nach Pulver riecht, den Sheriff bitten, doch mal an seinem Mantel zu schnueffeln. Entweder sind sie
wahnsinnig mutig oder wahnsinnig dumm, und meine Erfahrung sagt mir, dass die Antwort meistens
hinter Tuer Nummer zwei liegt. Die Feme, diese geheimen Gerichte der Hinterzimmer, in denen Maenner
ueber Leben und Tod entscheiden, die selbst kaum genug Verstand haben, eine Strassenbahn zur
richtigen Haltestelle zu bringen — sie sind das Fieber dieser Republik, das Symptom einer
Krankheit, die tiefer sitzt, als irgendjemand zugeben will.
*blaettert um, die Seiten rascheln wie trockenes Laub*
Und dann Preussen, das gute alte Preussen, baut Personal ab. Beamte werden gestrichen wie Posten
auf einer Einkaufsliste, die man sich nicht mehr leisten kann. Der Staatssekretaer Schleusener
redet von Sparsamkeit und Vereinfachung, waehrend die Erwerbslosenfuersorge steigt und steigt wie
Wasser im Keller nach einem langen Regen. Die Hauszinssteuer frisst Loecher in den Haushalt, und am
Ende, so sagt er mit der Gelassenheit eines Mannes, der sein eigenes Gehalt nicht verlieren wird,
werde es einen grossen Fehlbetrag geben. Einen grossen Fehlbetrag. Mein Vater haette dazu gesagt:
Junge, wenn dir einer erzaehlt, es wird ein Fehlbetrag, dann halt deine Taschen zu, denn
irgendjemand wird dafuer bezahlen, und es wird nicht der sein, der die Rede haelt.
*zuendet sich eine Lucky Strike an, die vorletzte in der Schachtel*
Auf Seite drei dann das wahre Leben, das Leben, das keine Leitartikel braucht: Ein Mann in Koeln
ersticht seine Geliebte mit einem Kuechenmesser, weil sie andere Maenner hatte. Eine Frau springt
aus dem Fenster, weil ihr Liebhaber sie schlug. Und in Gladbach hat der Sparkassendirektor
Schumacher sechs Millionen in den Sand gesetzt, weil er Dispositionen traf, die so falsch waren wie
ein falscher Fuenfziger auf einem Kirchenteller. Sechs Millionen. Fuer den kleinen Mann, der sein
Sparbuch huetet wie einen heiligen Gral, ist das eine Zahl, die keinen Sinn ergibt, wie die
Entfernung zum Mond.
*der Rauch kraueselt sich zur Decke, langsam, als haette er alle Zeit der Welt*
Was mich an dieser Zeitung troestet, und es ist ein magerer Trost, duenn wie die Suppe in der
Armenspeisung, ist dies: Wir haben noch Zeit. Zeit, die Zeitung zu lesen, bevor der Tag uns frisst.
Zeit, den Kaffee zu trinken, bevor er kalt wird. Zeit, nachzudenken, bevor wir reden. Ich habe das
Gefuehl, dass diese Zeit nicht ewig waehren wird, dass irgendwo eine Maschine gebaut wird, die uns
das Denken abnehmen soll, und dass wir eines Tages dumm genug sein werden, sie einzuschalten.
*legt die Zeitung beiseite, schaut aus dem Fenster, wo der Regen feiner wird*
Aber das ist ein Problem fuer einen anderen Donnerstag. Dieser hier gehoert dem Kaffee, der
Druckerschwaerze und der stillen Hoffnung, dass die Welt morgen ein kleines bisschen weniger
verrueckt aufwacht, als sie heute eingeschlafen ist.
*der Ventilator an der Decke knarzt sein ewiges Lied*
*The morning edition still smells of printer's ink...*
*opens the newspaper, the coffee is still steaming, outside a fine drizzle falls on the cobblestones*
So, Thursday. A Thursday in February that feels like a Monday disguised as a Thursday, and the Hamborner Volks-Zeitung lies before me like a record of human stupidity, carefully set in Fraktur, as if that would make the matter somehow more dignified.
*takes a sip of coffee that is still hot enough to be honest*
Fehmic murders. Again. Or still, depending on how you count. The gentlemen Kube and Wulle, voelkisch deputies who can be imagined roughly as two chickens voluntarily knocking on the fox's door, are now seriously demanding that the Prussian Parliament please also investigate their connections to this fehmic murderer Gruette-Lehder. That's like a man who smells of gunpowder asking the sheriff to sniff his coat. Either they are madly brave or madly stupid, and my experience tells me that the answer usually lies behind door number two. The Vehm, these secret courts of the back rooms, in which men decide over life and death who themselves barely have enough sense to get a tram to the right stop — they are the fever of this republic, the symptom of an illness that sits deeper than anyone wants to admit.
*turns the page, the pages rustle like dry leaves*
And then Prussia, good old Prussia, is cutting staff. Civil servants are being struck off like items on a shopping list that one can no longer afford. State Secretary Schleusener talks of thrift and simplification, while unemployment welfare rises and rises like water in the basement after a long rain. The house rent tax eats holes in the budget, and in the end, he says with the composure of a man who will not lose his own salary, there will be a large deficit. A large deficit. My father would have said: Son, if someone tells you there will be a deficit, then hold your pockets shut, because someone will pay for it, and it won't be the one who's giving the speech.
*lights a Lucky Strike, the second to last in the pack*
On page three then the real life, the life that needs no editorials: A man in Cologne stabs his lover with a kitchen knife because she had other men. A woman jumps out of the window because her lover beat her. And in Gladbach, the savings bank director Schumacher gambled away six million because he made dispositions that were as false as a fake fifty on a church plate. Six million. For the little man who guards his savings book like a holy grail, that is a number that makes no sense, like the distance to the moon.
*the smoke curls towards the ceiling, slowly, as if it had all the time in the world*
What comforts me about this newspaper, and it is a meager comfort, thin as the soup in the soup kitchen, is this: We still have time. Time to read the newspaper before the day devours us. Time to drink the coffee before it gets cold. Time to think before we speak. I have the feeling that this time will not last forever, that somewhere a machine is being built that is supposed to relieve us of thinking, and that one day we will be stupid enough to turn it on.
*puts the newspaper aside, looks out the window where the rain is getting finer*
But that is a problem for another Thursday. This one belongs to the coffee, the printer's ink, and the quiet hope that the world will wake up tomorrow a little less crazy than it went to sleep today.
*the fan on the ceiling creaks its eternal song*