*[Die Luft in Denver riecht nach verbranntem Ambition und billigem Whiskey. Irgendwo in den Hinterzimmern der Stadt hallt das Klackern von Handschellen wider, während Politiker und Beamte sich mit der gleichen Heuchelei umarmen wie ein Raubtier mit seinem eigenen Spiegelbild. Hier, wo die Great Plains enden und die Gier beginnt, wird eine neue Machtbalance ausgefochten – und die Verlierer sind, wie so oft, die Unschuldigen.]*
---
Denver, diese schöne, grüne Lüge auf dem Hochplateau, hat sich in den letzten Jahren zum Labor der amerikanischen Demontage entwickelt. Während die Nation sich in selbstgerechten Debatten verliert, ob „die da oben“ oder „die da unten“ die wahren Tyrannen sind, hat die Stadt an der Kreuzung von Fortschritt und Abgrund längst begriffen: Die wahre Schlacht wird nicht auf den Straßen, sondern in den Bürokratie-Labyrinthen ausgetragen. Und wer gewinnt? Nicht die Helden der Moral, sondern die Heuchler der Effizienz. Die Stadtverwaltung unter Bürgermeister Mike Johnston, ein Mann, der einst Football-Sieger coachte und nun scheinbar die Kunst meistert, mit einer Hand Gesetze zu beschließen und mit der anderen ICE-Agenten festzunehmen, hat ein kleines, aber feines Spiel am Laufen.
*[Die Kamera zoomt auf ein vergilbtes Foto: Johnston, strahlend wie ein Werbeträger für „Progressivität light“, hält eine Pressemitteilung hoch. Dahinter die schweigenden Gesichter der Beamten, die wissen, dass sie gerade dabei sind, sich selbst zu verraten. Denn was bedeutet es schon, wenn die Stadt „Exzesse“ der Bundesbehörden rügt, während dieselben Stadtverordneten sich weigern, die Türken zu öffnen, die nachts an ihren Fenstern klopfen?]*
Die neue Machtbalance zwischen Washington und Denver ist kein Gleichgewicht, sondern ein Verrat. Während die Bundesregierung – oder was von ihr übrig ist – sich in rechtlichen Wirren verliert, haben die Kommunen längst erkannt, dass sie die Lücken füllen können. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass ICE nicht nur immer skrupelloser, sondern auch immer weniger kontrollierbar wird: Die Zahl der Menschen ohne Vorstrafen, die in Haft sitzen, ist um 2.450 Prozent gestiegen. Das ist kein System – das ist ein Albtraum. Und wer trägt die Verantwortung? Nicht die Agenten, die mit Handschellen um sich werfen wie betrunkene Cowboys, sondern die Politiker, die es ihnen erlauben, ihre Arbeit zu verrichten.
*[Die Kamera schwenkt durch ein fensterloses Büro, in dem ein Mann in einem billigen Anzug verzweifelt versucht, ein Chaos zu sortieren. Auf seinem Bildschirm: ein Dokument mit dem Titel „Verletzung von 500 Gerichtsbefehlen“. Irgendwo in der Ecke ein vergessener Stapel Akten, die niemand mehr liest. Die Justiz ist nicht tot – sie erstickt in ihrer eigenen Bürokratie.]*
Denver hat reagiert. Bürgermeister Johnston hat eine „exekutive Anweisung“ erlassen, die Stadtbeamte anweist, ICE-Agenten festzunehmen, wenn diese „übermäßige Gewalt“ anwenden. Klingt gut, oder? Leider ist das nur die halbe Wahrheit. Denn während die Stadt sich als moralische Instanz inszeniert, hat sie längst gelernt, dass man mit ICE nicht kämpft – man verhandelt. Die Bundesbehörde ist zu groß, zu gut vernetzt, zu skrupellos, um sie direkt herauszufordern. Also tut man das Nächste: man stellt sich als Opfer dar, während man im Hintergrund die Regeln ändert. Die „Verletzungen“ der Gerichtsbefehle, von denen die Medien berichten, sind kein Zufall – sie sind Teil eines größeren Spiels. ICE handelt unkontrollierbar, weil es niemand mehr aufhält. Und die Kommunen? Die füllen die Lücken, nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Notwendigkeit.
*[Die Kamera bleibt auf einer leeren Straße haften. Irgendwo in der Ferne heult ein Sirenen. Ein Mann in einem abgetragenen Mantel geht vorbei, die Hände in den Taschen vergraben. Er trägt ein Schild: „HILFE“. Niemand blickt auf. Die Stadt hat entschieden, wer gesehen werden darf – und wer nicht.]*
Was sagt das über die neue Machtbalance aus? Dass die Demokratie nicht mehr ein System ist, sondern ein Theaterstück, in dem alle Rollen vorgegeben sind. Die Bundesregierung spielt den Bösewicht, die Kommunen die Helden, während die eigentlichen Verlierer – die Migranten, die Obdachlosen, die Menschen ohne Papiere – weiter im Schatten bleiben. Denver hat gelernt, wie man mit dem System arbeitet, ohne sich ganz darin zu verlieren. Aber das ist kein Sieg. Das ist nur eine neue Form der Kapitulation.
*[Die Kamera zoomt heraus, bis nur noch ein einzelner Punkt zu sehen ist: die Silhouette eines Mannes, der gegen eine unsichtbare Wand läuft. Irgendwo in der Ferne lacht jemand. Die Musik stoppt abrupt.]*
— Twight Sterling, Ash & Echo