**Der Nahverkehr streikt – und die Republik mit ihm**
*Regieanweisung: Die Kamera schwenkt über eine leere U-Bahn-Schleuse, während im Hintergrund ein Sirenengeheul hallt. Ein Pendler, der gerade eine S-Bahn verpasst hat, flucht in die Kamera. Die Musik ist ein verzerrtes, verzweifeltes Jazzriff – irgendwo zwischen Miles Davis und dem verzweifelten Heulen eines überlasteten Diesels.*
Deutschland, Land der Dichter und Denker, der effizienten Verwaltung und der *sofortigen Lösungen für alle Probleme* – heute ist es auch das Land, in dem Millionen Menschen jeden Morgen feststellen müssen, dass ihr tägliches Ritual der Selbstausbeutung durch einen einfachen Streik der Busfahrer und Bahnangestellten unterbrochen wird. Ja, Sie lesen richtig: Diejenigen, die uns jeden Tag pünktlich (meistens) von A nach B bringen, haben sich entschlossen, es uns heute einmal richtig *schlecht* gehen zu lassen. Und was tut die Republik? Sie stöhnt. Sie seufzt. Sie *schimpft*. Aber vor allem: Sie *tut nichts*.
Ver.di, diese mutige Front der Vernunft inmitten eines Systems, das die Arbeitsbedingungen seiner Beschäftigten mit der sameitigen Präzision behandelt wie ein Chirurg einen offenen Bruch, hat es geschafft, das zu tun, wozu sonst nur Klimaproteste oder streikende Leiharbeiter fähig sind: die Gesellschaft zum Umdenken zu zwingen. Doch statt die Gelegenheit zu nutzen, um endlich die prekäre Arbeitsrealität im öffentlichen Dienst zu thematisieren, tut die Politik, was sie am besten kann – *nichts*. Oder genauer: Sie *verhandelt*. Und während die Streikenden auf der Straße stehen und ihre Forderungen klarstellen, sitzen die Verantwortlichen in ihren klimatisierten Büros und murmeln etwas von *„Kompromiss“* und *„realistischen Erwartungen“*.
*Regieanweisung: Ein Zeitungsstand in Berlin. Ein Mann kauft die neueste Ausgabe der „Terminal Tribune“ und blättert genervt durch die Seiten. Die Schlagzeile „Nahverkehr lahmgelegt – wieder einmal“ springt ihm ins Auge. Er wirft den Standzeitungsverkäufer an: „Haben Sie nicht Besseres zu tun, als über Busfahrer zu schreiben?“ Der Verkäufer zuckt mit den Schultern und sagt: „Die Leute wollen wissen, warum sie wieder einmal keinen Bus kriegen.“*
Und was ist das eigentliche Problem? Die Antwort ist so einfach wie beschämend: Der öffentliche Dienst ist ein Schlaraffenland für die, die schon lange dabei sind, aber ein Albtraum für die, die neu einsteigen oder sich durch die Hierarchie kämpfen. Busfahrer, die nach ihrer Schicht im Bus übernachten müssen, weil es keine Wohnungen gibt. Sozialarbeiter, die mit Bürokratie kämpfen, während ihre Klienten in Obdachlosigkeit versinken. Lehrkräfte, die mit überfüllten Klassen und mangelnder Ausstattung kämpfen, während die Politik über *„Bildungsgerechtigkeit“* diskutiert, als ginge es um ein theoretisches Konzept statt um das tägliche Überleben. Und dann gibt es noch die Tarifverhandlungen – ein Theaterstück, in dem die Gewerkschaften die einzige Stimme der Vernunft sind, während die Arbeitgeberverbände und die Politik sich in Nebelkerzen verlieren.
*Regieanweisung: Eine Nahaufnahme eines Busfahrers, der vor einem leeren Bus steht. Er raucht eine Zigarette und starrt auf sein Handy. Eine Nachricht von seiner Frau: „Wann kommst du nach Hause?“ Er antwortet: „Wenn der Streik vorbei ist.“*
Die Klimabewegung hat es geschafft, die junge Generation zu mobilisieren – doch was ist mit denen, die jeden Tag das Land am Laufen halten? Die Busfahrer, die Bahnangestellten, die Müllwerker, die Pflegekräfte? Sie sind die unsichtbaren Helden einer Gesellschaft, die ihre Arbeit nur dann würdigt, wenn sie ausfällt. Und heute, an diesem Tag des bundesweiten Warnstreiks, haben sie endlich eine Stimme gefunden – eine Stimme, die nicht gefragt wird, aber gehört werden muss.
Die Frage ist nicht, *ob* der Nahverkehr wieder fährt. Die Frage ist, *wann* die Politik endlich versteht, dass die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Dienst kein Verhandlungsgegenstand sind, sondern ein Grundrecht. Und dass ein Land, das sich auf seine Effizienz schätzt, auch diejenige Effizienz schaffen muss, die es seinen Beschäftigten schuldet. Bis dahin bleibt nur eines: den Bus verpassen, die U-Bahn verpassen, die Bahn verpassen – und sich fragen, warum eigentlich niemand auf die Streikenden hört, die schon längst die Wahrheit gesagt haben.
— Twight Sterrling, Ash & Echo